Die Wucht des Gekreuzigten: Antonio Sauras “Crucifixión (Triptychon)” in der Pinakothek der Moderne

An einem Sonntag im Februar war ich eigentlich in die Pinakothek der Moderne gegangen, um mir den Saal 13 anzuschauen; dort wird zum ersten Mal der Schritt gewagt hat, die regimegetreue NS-Kunst zusammen mit entarteter Kunst gegenübergestellt im zeitlichen Kontext der Dauerausstellung zu präsentieren. Ich strich vorher also durch die Säle 1-12, um der künstlicherischen Zeitline bis 1933 nachzuspüren, bevor ich den Saal betrat. Ohne jetzt genauer darauf einzugehen, fand ich den Saal schlussendlich unbefriedigend, da er sich nicht intensiv genug mit der Thematik auseinandersetzen kann, weil ein Saal einfach zu wenig ist, um die Inkonsistenz der NS-Kunstpolitik oder die biedere bürgerliche Natur vieler regimegetreuen Werke erschöpfend und umfassend aufzuzeigen. Der Saal kann also nur ein erster Schritt sein, um diese wichtige Auseinandersetzung auch im musealen Kontext zu führen. Um diese Gedanken zusammenzufassen und an Anke zu schreiben, die sich hier auch schon mal mit Saal 13 auseinandergesetzt hat, ging ich zügig in den nächsten Saal mit einer freien Bank, der sich als Saal 16 herausstellte. Ohne Umschweife tippte ich meine Nachricht an Anke ins Handy, schickte ab, steckte das Handy weg und blickte auf:

IMG_6606

Ich war wie vom Schlag getroffen. Welche Wucht sprang mich da an? Wer war da ans Kreuz genagelt? Wer versetzte mir diesen Stich ins Herz?

Mit der spanischen Nachkriegskunst hatte ich mich schon etwas auseinandergesetzt, nicht zuletzt da im Wohnzimmer meines Elternhauses immer eine Lithographie von Antoni Tàpies hing, die sie in den 70er Jahren beim Kunstverein Bonn erstanden hatten. So hatte ich mir auch 2010 bei meinem Besuch in Barcelona die Fundaciò Antoni Tàpies ausführlich angeschaut und in anderen Museen immer wieder zu meiner Freude Werke von ihm entdeckt. Im Zuge einer meiner vielen Diskussionen mit meinem guten Künstlerfreund Michael kamen wir natürlich auch einmal auf Tàpies zu sprechen und er sprach zu mir davon, dass Tàpies und für ihn viel mehr noch Antonio Saura zu Unrecht unterschätzt würden. So hatte ich also auch angefangen, nach Sauras Werken Ausschau zu halten und war zuletzt im Oktober 2016 im Museo Reina Sofia in Madrid auf zwei seiner Frauenbilder gestoßen, und mir im dortigen Museumsbuchladen den Katalog seiner Retrospektive in Bern bzw. Wiesbaden 2012/13 für schlappe 18 Euro mitgenommen.

Ich erkannte ihn sofort wieder. Wie kein Zweiter kann er in Schwarz-Weiß und Grautönen kraft seines Pinselstriches so eine Dynamik erzeugen. Der Schmerz, das Leiden springen einen förmlich an. Wie der Kopf hervorschießt und aus dem Bild zu stoßen scheint. Ich saß mehrere Minuten lang schweigend auf der Bank und starrte “Crucifixión (Triptychon)” von 1959 an, die Gedanken zu Saal 13 wie von einem furiosen Streich weggewischt.

Zwei Monate strichen ins Land und als ich anlässlich des Karfreitags Mitte April ein Bild von Rogier van der Weydens “Kreuzigung” von 1457-1464, das ich im Palast El Escorial gesehen hatte, twitterte, antwortete ein guter Freund von mir mit einem Bild von Francis Bacon, und sofort schoß mir wieder Sauras Triptychon in den Kopf.

Es ging auch nicht wieder weg. Und so ging ich am Ostersonntag abermals in die Pinakothek der Moderne, einfach nur, weil ich mich wieder davor niederlassen und es betrachten wollte. Ich hatte im Katalog der Retrospektive und auf der Website der Pinakothek etwas mehr zum diesem Bild bzw. weiteren Kreuzigungsbildern aus Sauras Œuvre gelesen; der vom Franco-Regime politisch verfolgte Künstler reflektierte in diesen Werken nicht nur mit der kunstgeschichtliche Traditon der Kreuzigungsdarstellungen – er erwähnt z.B. “Cristo crucificado” von Diego Velázquez, das er als Kind im Prado gesehen hatte – sondern auch seine eigene, politisch prekäre Situation in den 50er Jahren.  Und plötzlich fiel mir etwas auf, was mir beim letzten Mal noch in der ganzen Wucht entgangen war: der Abdruck seiner Hand links. Und der Abdruck seines Fußes in der Mitte. Sehr viel deutlicher kann man den persönlichen Bezug gar nicht herstellen, auch der Kopf spiegelt seinen eigenen Gesichtszüge wider.

Überhaupt, die Hände. Die rechte Hand des Gekreuzigten links im Bild, der Abdruck, hinter dem ein hellgrauer länglicher Farbfleck förmlich explodiert, als wäre sie gerade erst an das weiße Kreuz auf dem ruhigen schwarzem Grund gedrückt worden, vielleicht von dem grauen Greifen rechts daneben am Arm. Die andere Hand jedoch, rechts im Bild, bereits grotesk geschwollen, mit einem explodieren schwarzen Stigma in der Mitte. Diese Hand, die mit dem Kopf zusammen vorschnellt und das Kreuz aus der Leinwand rausreißen möchte, als ob der Gekreuzigte aus dem Bild und vor seinem Schicksal noch entfliehen könnte. Immer wieder diese Dynamik, immer wieder diese Wucht.

Nun stand ich gestern bereits ein drittes Mal in ebensovielen Monaten vor dem Werk und kam wieder nicht davon los.

Es ist eine – meine – Museumsperle. Wobei definitiv diese mich gefischt hat, und nicht ich sie.

Advertisements