Sonntags aus der Sommerpause: OPENart 2016

Die Sommerpause ist nicht nur in diversen europäischen Fußballligen vorbei, auch der Münchner Kunstbetrieb räkelt sich nicht mehr in der Sonne und läutet den Kunstherbst ein. Fast schon traditionell markiert das Wochenende der OPENart den Startschuss dafür. Freitagabend von 18-21 Uhr sind die Openings und dann haben die teilnehmenden Galerien und Institutionen Samstag und Sonntag von 11-18 Uhr geöffnet.

Meine OPENart begann schon am Mittwoch abends, da ein die Braun-Falco-Galerie zu einem Preview von “Felix Weinold – JUNGLE” (bis 30.10.) geladen hatte. Ich habe selber ein Werk von Felix Weinold daheim und hatte ihn auch im Januar zusammen mit dem Galeristen in seinem Atelier in Augsburg besucht. Seine aktuellen malerischen Arbeiten, die auf Pflanzen und Geflechten basieren, teilweise bis zur Abstraktion, fand ich ziemlich gut; jedoch nicht so gut, wie die aus der vorherigen Ausstellung in der Galerie, “Diebstahl verpflichtet II: Pure Beauty” im Jahre 2014, aus der ich eben das oben erwähnte Werk erworben hatte; dennoch ein lustiger Abend, an dem ich mich mit dem Künstler und Freundinnen von ihm verschwätzt habe und mich erst nach 22 Uhr auf den Heimweg machte.

Nachdem ich Freitag und Samstag wegen anderen Terminen verhindert war, machte ich mich also am vergangenen Sonntag bei wunderschönstem spätsommerlichem Wetter auf, um die OPENart zu erkunden.

Weil ich ja eh öfters mal dort bin, begann ich bei der Galerie Klüser, erst im Stammhaus in der Georgenstraße, dann in der Dependance in der Türkenstraße. Die Gruppenausstellung “just black and white” (bis 1.10.) erstreckt sich über beide Galerien und wurde eigentlich bereits im Juni eröffnet, ich war aber noch nicht drin gewesen. Der Titel sagt es, es geht nur um Werke in Schwarz und/oder Weiß. Bei der Betrachtung treten Form und Konzept mehr in den Vordergrund, da der Besucher nicht von Farben abgelenkt oder irritiert wird. Spannendes Konzept, welches aufgeht. Ich fand es auch cool, einfach zu raten, von welchem Künstler nun welches Werk sein mochte, bevor ich die Begleitmappe und Preisliste in die Hand nahm. Einiges habe ich doch erkannt. Am eindrücklichsten fand ich “Matt Black” von Anish Kapoor und “Nebukadnezar” von Gregor Hildebrandt.

Dann von der Türkenstraße kurz rechts in die Theresienstraße gebogen und spontan zu Knust x Kunz, wo der Frankfurter Künstler Naneci Yurdagül unter dem Titel “hier müsste wohl neuer Titel hin” (bis 15.10.) ausstellte. Er setzt sich mit dem Islam bzw. dem arabischen Kulturraum auseinander und ich fand einige seiner Werke durchaus interessant, v.a. die Serie leerer Rahmen mit Pins, die sich mit dem Leben des Propheten Mohammed befasste. Ich schaue sicher nochmal rein, ist ja um die Ecke.

Dann einfach zwei Häuser weiter in den Hof und zum nächsten planmäßigen Ziel in die Barbara Gross Galerie rein. Diese stellte gerade die Münchner Künstlerin Michaela Melían (bis 22.10.) aus, deren Soloaustellung “Electric Ladyland” im Kunstbau des Lenbachhauses ich unlängst auch besucht hatte. Die Künstlerin ist auch ausgebildete Musikerin und ihr gekonnter Einsatz aller möglicher künstlerischen Ausdrucksformer, von Zeichnung und Graphik, über Malerei und Skulptur, bis hin zu Musik und Video, ist interessant und hat auch die intellektuelle Tiefe, die ich persönlich mir von Kunst erhoffe. Diese Ausstellung in der Galerie erstreckt sich von den späten 80er Jahren bis hin zu aktuellen Arbeiten zu “Eletric Ladyland”, mit ihren utopischen Zeichnungen, die wie eine Hommage an Metropolis von Fritz Lang wirken. Auch die selbstentworfenen Briefmarkenbögen mit frühen Zeichnungen fand ich einfach witzig.

Hofeingang

Dann einmal links und wieder rechts weiter die Türkenstraße rauf, spontan durch den obigen kuriosen Hofeingang in der Architekturgalerie rein. Hier stellte Rainer Viertlböck seine Fotoarbeiten zum “Oktoberfest”  (bis 20.9.) aus. Auch sind ein paar Modelle von Achterbahnen aus dem Ingenierbüro Stengel zu sehen, die u.a. den Fünferlooping auf der Wiesn entworfen haben. Am meisten beeindruckt haben mich die Aufnahmen der leeren Zelte. Diese Symmetrie, diese Ruhe. Nichts, aber auch nichts, weist auf das Gewusel, Getümmel und Gelage hin, was dort vorherrscht.

Dann wieder ein planmäßiges Ziel angesteuert, die Galerie Thomas und Galerie Thomas Modern, die sich die großzügigen Räumlichkeiten teilen und wo zweitere eine Ausgründung ersterer ist, nicht unähnlich zu Klüser. Zuerst habe ich mir die “Peter Halley – SAW”(bis 5.11.) angeschaut, mir war das Oeuvre aber zu neon, also grell in den Farben. Nicht so mein Ding. Dann noch den einen Raum “Figur” (bis 15.10.) mit Werken der klassischen Moderne und des deutschen Expressionismus. Die eine Lithographie von Otto Dix war sogar halbwegs erschwinglich. Einen Dix für die Sammlung? Hmm.

Dann etwas am Altstadtring entlang, über die Ludwigstraße und den Odeonsplatz, wo gerade das Streetlife-Festival stattfand, in die Maximilianstraße rein. Dort war mein erster Stopp die  Galerie Fred Jahn, wo Friedrich G. Scheuer (bis 8.10.), ein in Oberbayern verwurzelter Künstler, ausgestellt wurde. Er arbeitet eher abstrakt mit einer reichen Farbpalette, wobei ich persönlich immer das Gefühl hatte, die Farbenvielflt stünden seiner Komposition und deren Formen im Weg. Macht sich bestimmt gut an der Wand, aber halt nicht an meiner.

les fleurs du mal

Dann ging es an den Blumen des Bösen vorbei hinab ins Maximiliansforum, wo derzeit eine Serie von Hommagen in vier Teilen an das richtungsweisende Environment “zeige deine Wunde” von Joseph Beuys stattfindet, das an dieser Stelle erstmals von den Galerie Schellmann-Klüser (Klüser? Genau, der Klüser von oben.) der Öffentlichkeit präsentiert und später vom Lenbachhaus angekauft wurde. Zur Zeit läuft “zeige deine Wunde 2016 / Teil 2 – Das Environment” (bis 25.9.), wo die Künstlerinnen Heidi Mühlschlegel mit “Freibad Brotland” und Gözde Ilkin mit “Stained Estate I-III” jeweils eine installative Arbeit in den gegenüberliegenden Räumen gestaltet haben. Ich glaube, von Heidi Mühlschlegel hat mir die degenerierte Bundesadlerskulpturcollage “Brotland” am besten gefallen. Und die Videoinstallation “Stained Estate I-III” von Gözde Ilkin über die Zerstörung urbaner Strukturen in Istanbul macht betroffen.

Auf der anderen Seite wieder aus der Unterführung wieder aufgetaucht, ging es auf der Maximilianstraße weiter auf das Maximilianeum zu, doch anstatt die Isar zu queren, bog ich links an der Ecke ins Kunstfoyer der Versicherungskammer Bayern (bis 11.9.), wo die Ausstellung “Werner Bischof – Standpunkt” gerade ihren letzten Tag hatte. Der ausgebildete Schweizer Kunstfotograf wurde u.a. für seine Bilder bekannt, in denen er das Nachkriegseuropa in den Jahren 1945-1951 dokumentierte, bevor er dann als Magnum-Fotograf in den Jahren bis zu seinem allzufrühen Tod im Jahre 1954 Asien und Nord- und Südamerika bereiste und dokumentierte. Die Bilder vom Nachkriegselend wirken in großen Teilen aktuell wie nie, und es scheint schier unfassbar, wie 70 Jahre danach die Nachfahren in diesen Ländern dieses verdrängt haben. Die Bilder von Geflüchteten in Camps und an Grenzen heute ähneln diesen so sehr. Dieses Bild vom Berliner Reichstag 1946 fand ich unglaublich stark in seiner Symbolik. Mein Lieblingsbild aber war “Iglesias, Sardinien, Italien, 1950”:

Iglesias, Sardinien, Italien, 1951

Danach flanierte ich wieder die Maximilianstraße in Richtung Stadtmitte und so langsam machte sich auch Hunger bemerkbar. Am Max-Joseph-Platz sinnierte ich kurz über zwei Kulturinstitutionen, die noch in der Sommerpause waren.

Zurück zum Magenknurren. Es war nämlich gut, dass der Lanne auf dem Streetlife am Stand der Biometzgerei Pichler direkt vor der Feldherrnhalle grillte, wo ich mir dann a Käskrainer in der Semmel gönnte.

So gestärkt machte ich mich dann wieder auf den Rückweg die Ludwigstraße rauf und bog spontan in die  Galerie Sabine Knust, wo eine Ausstellung über Fotografien aus dem Umfeld des “Black Mountain College” (bis 22.10.) lief, das u.a. durch die dortige Lehrtätigkeit von Josef Albers bekannt wurde, mehr dazu hier. Bevor ich mich umschauen konnte, begrüßte mich eine mir über einen Künstlerfreund bekannte Galeristin, die eben diesen Freund vertritt. Da sie eigentlich in Hauzenberg in Niederbayern tätig ist, war das eine nette Überraschung mit einem freundlichen Schwätzchen. Die hauptsächlich schwarz-weißen Fotos sind sehr unterschiedlich, je nach dem Künstler, aber manche, die sehr abstrakt waren, wirkten fast wie Graphik, fand ich spannend.

Dann ging es zum letzten geplant Stopp bei mir um die Ecke, der Walter Storms Galerie, was sich als ebenso spannend wie passend rausstellte. Dort wurden Cordy Ryman (bis 22.10.) und Rainer Leist mit seinem Fotoprojekt “Window” (bis 22.10.) ausgestellt. Cory Rymans Arbeiten, in denen er Holz, v.a. als Baumaterial verwendetes, bemalt, fand ich ganz in Ordnung, die Dreidimensionalität hatte schon was, aber hat mich jetzt auch nicht umgehauen. Rainer Leists “Window” hingegen hat mich auf den zweiten Blick extrem fasziniert. Seit März 1995 fotografiert er denselben Blick aus seinem Apartment in Manhattan mit derselben Kamera. Es ist sehr spannend zu sehen, wie das Wetter und das Licht Einfluß auf ein und dieselbe Szenerie nehmen (einfach mal die Bilder hier durchklicken). Was mich aber just an diesem Tag besonders berührte, war, dass unter den berühmten Gebäuden, die zu sehen waren, in der Ferne das World Trade Center deutlich zu sehen war. Und so dokumentierte diese Fotoserie zufällig eine einschneidende Veränderung in der Skyline, der amerikanischen Gesellschaft und Geschichte. Auf den Tag genau 15 Jahre danach stand ich vor diesem Werk. Ich glaube, ich gehe noch einmal rüber und schaue mir das nochmal so richtig in Ruhe an. Ich war ja nun schon fast vier Stunden unterwegs gewesen.

Und so kam fast rechtzeitig zum Anpfiff des Spiels vom FC Augsburg bei Werder Bremen heim und ruhte mich dann vor dem Fernseher aus. Und zu meiner Freude gewannen meine Augsburger auch noch mit 2:1.

Die Sommerpause ist wohl vorbei.