Über Twitter als Stammkneipe

Ich bin eigentlich immer gerne auf Twitter gewesen. Twitter ist wie so eine Stammkneipe. Man macht die Tür auf, guckt rein, wer da so ist und eigentlich ist immer jemand da, mit dem man ein Bier trinken kann und ein nettes Schwätzle halten kann. Es entstehen angeregte Diskussion, mehrere andere machen mit. Alles gut, interessant und lustig. Oder man ist erstmal alleine, trinkt ein Bier, liest die Nachrichten in der Zeitung und dann kommt jemand, mit dem man schwätzen kann. Und dann gibt es ja noch die Stammgäste, mit denen man so richtig gut auskommt und die eigentlich fast regelmäßg da sind.

Eigentlich.

Denn leider tauchen viele von den Stammgästen nicht mehr, oder zumindest sehr selten, auf, oft aus nachvollziehbaren Gründen. Und so wird meine Stammkneipe irgendwie leerer. Manche von den Stammgästen sind irgendwie verhärmt oder bitter geworden und man sehnt sich nach den anregenden Diskussionen zurück, die man mit diesen hatte. Aber sie lassen sich nicht mehr aus der Deckung locken. Manche scheißen immer dieselben Witzle und mehr leider nicht mehr. Manche haben sich in Zynismus und Reflexironie geflüchtet, wo einst offener Austausch war. Und so wird meine Stammkneipe auch irgendwie ungemütlicher. Und dann gibt es immer noch so Gäste, die plötzlich auftauchen und Rabatz machen und polemisieren und überhaupt … und dann geht man doch lieber mal wieder nach Hause.

Und dann schaue ich halt nach und nach immer weniger gerne rein. Oft trinke ich nur noch mein Bier und murmele Sachen vor mich hin und möchte mich so gar nicht in ein Gespräch verwickeln lassen. Manche Themen interessieren mich schlicht auch nicht mehr oder sind nur noch ermüdend oder repetitiv für mich. Nur unterbrochen von der immer selteneren Freude, wenn dann doch ein witziges oder anregendes Gespräch entsteht, so wie ehedem.

Warum ich überhaupt noch in die Stammkneipe gehe? Weil ich dort viele gute Freunde kennengelernt habe, die ich auch außerhalb der Stammkneipe sehe und mit ihnen interessante, spannende und alberne Dinge unternehme. Deswegen hänge ich auch an meiner Stammkneipe, die ein bisschen verkommt, aber noch nicht verkommen ist.

Prost.

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Return to Sender: Address Unknown

“Ich bin ein Sender. Ich strahle aus!”

Die Worte von Joseph Beuys mit denen er beschrieb, wie er seine Aussage über seine Kunst, gerade über die als “Antennen” fungierenden Multiples, in die Welt hinaustragen wollte und auch tat, kamen mir gestern wieder in den Sinn, jedoch in einem völlig anderen Kontext. Auf Twitter sind wir alle Sender, gleichberechtigt und an die gleichen Regeln gebunden. Jedoch sind wir dort auch Empfänger, oder sollten es zumindest sein.

Als ich meinen Twitteraccount angelegt habe, ging es mir erst einmal nur darum gewisse Aussagen zu senden, die ich loswerden musste, aber für niemanden wirklich bestimmt waren. Diese sollten sich einfach irgendwo im Äther verlieren. Ich folgte zwar ein paar Leuten, die ich schon vorher persönlich kannte, aber ich las nicht oft. Das änderte sich nach einer Weile, als ich festzustellen begann, dass ich auf Twitter mich mit Leuten mit gleichen Interessen konkret austauschen und interagieren konnte, ich war nun Sender und Empfänger. Und die Signale waren klar und von einer Qualität und Anzahl, mit der ich nicht nur gut umgehen konnte, sondern die mein Leben bereicherten, bis hin zu dem Punkt, dass ich durch diese Interaktionen viele tolle neue Leute kennengelernt habe.

Ich weiß aber auch von mir selber, dass ich ein Empfänger bin, meine Antenne ist immer ausgefahren, ob ich nun ins Theater gehe, Kunst in Museen oder Galerien betrachte oder einfach Leuten gerne zuhöre. Ich bin immer offen für neue Informationen und Reize, ja für sehr, sehr viele Arten von Signalen. Und hier ist Twitter für mich in letzter Zeit problematisch geworden. Nicht nur habe ich das Gefühl, dass einige der von mir geschätzten Sender-Empfänger weniger bis gar nicht senden und auch empfangen, ich empfinde es so, dass dafür andere fast nur noch senden, ohne zu empfangen, und zwar Signale, die ich empfange, aber deren Qualität ich einfach nicht vertragen kann. Sei es nun Süffisanz, Schärfe oder Lautstärke, viele suchen nicht mehr Dialog und Interaktion, sondern nur noch Aufmerksamkeit und Deutungshoheit. Und in einer Twittertimeline ist jeder Tweet als Signal nun einmal gleich stark. Aber ich wenn ich versuche, irgendwelche Informationen zu einem bestimmten Thema zu verarbeiten, brauche ich Signal und zwar so, dass es das Rauschen übertönt. Wie Tilman es so schön sagte:

Ich bin nunmal Physiker und unser Ansatz ist immer, Rausch- oder Störquellen zu eliminieren, um das Signal zu erhalten, das wir zu verstehen oder zumindest zu beschreiben versuchen. Vielleicht ist es eine Qualität von Twitter, dass es soviele gleichberechtige Sender gibt, die die Komplexität unserer Welt in Gänze abbilden, aber andererseits glaube ich auch, dass wir noch nicht bereit sind, diese Komplexität so zu verarbeiten, zumindest ich bin das nicht.

Jeder darf senden, was er will, dass ist die schätzenswerte Demokratie in diesem sozialen Medium Twitter, aber ich bemerke, dass ich mittlerweile nicht mehr die Filter oder die Verarbeitungsgeschwindigkeit besitze, um dieser über mich hereinbrechenden Informationssintflut, diesem Signalgewitter, für mich selber beizukommen. Und ich werde apathisch oder gar zynisch gegenüber Themen, die mir eigentlich wichtig sind und zu denen ich einen eigenen Standpunkt entwickeln möchte, der meinen Ansprüchen an mich selber genügt. Und das kann es einfach nicht sein, zumal sich obendrein noch die Empörungszyklen verkleinern. Das, was Twitter für mich so wertvoll gemacht hat, ist von einem donnernden Rauschen umtöst. Und es macht mich müde, nach Signal zu suchen, ich muss ein bisschen Abstand gewinnen. Momentan geht es mir mit Twitter in großen Teilen so:

Ich weiß wohl, welche Möglichkeiten gibt, diese Filter aufzubauen, seien Listen, sei es eine kleinere Timeline, sei es Muten, aber auch das erfordert eine gewisse Mühe, bis das geschafft ist. Und momentan fehlt mir ein bisschen der Wille und wohl auch die Kraft und daher fahre ich meine Twitterantenne erst einmal fast komplett ein und der King singt bis dahin sein Lied für mich:

“Return to Sender: Address Unknown …”