#12von12 im April, oder: Dresden Day(s).

Nach meinem Debüt im März hat es mir auch im April gut reingepasst, wieder bei #12von12 mitzumachen.

Zu Tagesbeginn wurde ich beim Aufwachen zuhause ein wenig davon überrascht, dass es regnete, aber immerhin zeichnete sich beim Blick aus dem Dachfenster ein güldener Streif am Horizont ab. Da mich auch seit dem Frühlingseinbruch in der vorigen Woche die Histamine fest in ihren Klauen, war auch der Regen im übertragenen Sinne ein güldener Streif am Heuschnupfenhorizont.

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Nachdem ich mich frisch gemacht hatte, ging es zur Boulangerie Dompierre um die Ecke, um Reiseproviant zu erstehen, es wurde ein Brioche mit Rosinen und ein halbes Classique mit Rillette de Canard. Nachdem das Ladengeschäft, in dem sich die Filiale befindet, in den vorigen Jahren eher durch wechselnde Pächter und mehr schlecht als recht funktionierende Konzepte (drölfzigste Bäckerei, Sandwichladen, Cafe) hevorgetan hatte, ist mit der Boulangerie Dompierre willkommene Qualität und Konstanz eingekehrt.

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Dann ging es mit der Tram zum Stachus, und zu Fuß geschwind zum Hauptbahnhof, um die Reise nach Dresden zu beginnen. Die Reise ist privater Natur, mein Künstlerfreund Michael aus München, veranstaltet dort am heutigen Mittwoch eine von ihm konzipierte konzertante Lesung, in der er zusammen mit neuer Musik der Komponisten Reiko Füting und Nikolaus Brass abermals die Geschichte “Caliban über Setebos” von Arno Schmidt bearbeitet. Diese ist bereits die dritte Entwicklungsstufe von “Saengers Phall” nach München im September 2014 und New York im Oktober 2015 und ich finde es ein sehr spannendes Projekt. Also nahm ich dies zum Anlass, mir auch einmal Dresden anzuschauen, da ich noch nie dort gewesen war. Von Gleis 15 fuhren wir ab.

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Auf der Zugfahrt hatte ich mit meinen Mitreisenden im Ruhebereich Glück und ich konnte meine Lektüre von James Joyces “Finnegans Wake” fortsetzen. Dabei stieß ich im Kapitel II.1 auf folgenden phänomenalen Satz: “Was liffe worth leaving?” Es ist unfassbar, wie man mit vier Worten soviel Klang und Bedeutung erzeugen kann. Ich war wie weggeblasen. Life, the River Liffey and Everything.

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Die Zugfahrt bis zum Umstieg in Leipzig verlief pünktlich und ereignislos und ich wurde dort auch von der Sonne begrüßt. Leider verließen wir Leipzig mit einer Verspätung von 25 Minuten, da es wohl einen Böschungsbrand an der Zugstrecke gegeben hatte, der erst noch gelöscht werden musste.

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Mit besagten 25 Minuten Verspätung traf ich dann am Dresdner Hauptbahnhof ein, über dem auch die Sonne lachte, was den viertelstündigen Fußweg zur Herberge sicherlich erleichterte. Wobei diese Fußgängerzone mit den aneinandergereihten Einkaufsketten jetzt nicht der Stadtplanerweisheit letzter Schluß sein muss.

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Nachdem ich in meinem altstadtnahen Hotel eingecheckt hatte, beschloß ich eine erste Runde Besichtigungen anzugehen und brach zu Fuß auf. Zuerst ging es um die Ecke zur Kreuzkirche, die von außen noch in altem barocken Glanz, äh, erstrahlt, innen aber schlicht ist. Von größerem Interesse waren für mich die knappen Informationstafel zu ihrere Geschichte, vor allem die des Dresdner Kreuzchors, hatte doch der heutige Mann meiner Cousine einst dort gesungen. Nicht nur das, meine Mutter hatte bereits bei ihrem Besuch in Dresden entdeckt, dass er auf dem Beispielbild auf ebenjenen Informationstafeln zufälligerweise zu sehen ist, und auch ich habe sein Knabenkonterfei schnell entdeckt.

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Dann ging es weiter zur Frauenkirche, deren fürs Barock eher schlicht ausgestatteter Bau durchaus zu gefallen weiß, aber natürlich jemanden, der aus dem katholischen Bayern kommt und zudem erst unlängst die barocken Wunder von Rom begutachten konnte, nicht wirklich überwältigt. Aber kleidsam fürs Stadtbild ist sie allemal.

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Danach spazierte ich über die Bährsche Terrasse, den Theaterplatz und den Postplatz zurück zu meinem Hotel und kaufte im angeschlossenen Einkaufszentrum noch etwas Zimmerproviant ein. Dabei gelang es mir, im ersten Anlauf knallhart am anvisierten Discounter vorbeizulaufen, weil ich wie selbstverständlich nach dem Logo von dessen südlichen Pendant Ausschau gehalten hatte. Dann kurz ausgeruht, mit etwas Brotzeit gestärkt und auf ins Abendprogramm. Leider wurde in der Semperoper an diesem Abend nichts gegeben, aber ich wollte ihr dennoch einen kleinen Besuch abstatten.

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No Oper, no cry, und so hatte ich mir im Vorfeld eine Karte fürs Staatsschauspiel besorgt, um dort dem notorischen Prinzen von Dänemark meine Aufmerksamkeit zu schenken.

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Zur Pause war ich mir noch nicht sicher, was ich von der Inszenierung halten sollte; an sich fand ich die Idee eines Tributekonzerts mit der Band des Hauptdarstellers als Stück im Stück ziemlich clever, war mir aber nicht sicher, ob das Stück nicht in der Auflösung auseinanderkippen würde. Aber über die Pausenaussicht vor der Tür hasch jetzt net maula könna, der Zwingr isch gloi nebadran, woisch.

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Schlußendlich fand ich das Stück gut, aber die Ideen von Regisseur Roger Vontobel stehen und fallen mit der starken Leistung seines Hauptdarstellers Christian Friedel, nicht nur wegen der prominenten Rolle seiner Band. Dabei wurde mir auch wieder bewusst, was für unfassbar starke Ensembles wir zur Zeit an den Münchner Theatern haben. Denn ich ertappte mich während der Vorstellung immer mal wieder dabei, mir vorzustellen, wie es wäre, wäre die eine oder andere Rolle mit einem der mir aus München bekannten Schauspieler besetzt. Dennoch ein gelungener Theaterabend. All dies besprach ich bei einem kleinen Absacker in der Planwirtschaft in der Dresdner Neustadt mit Michael, der sich dort nach einem langen Tag der Proben für “Saengers Phall” an Speis und Trank labte.

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Dann mit der Tram zurück ins Hotel und gschwind ins Bett, denn der heutige Tag steht prallvoll und ganz im Zeichen der kulturellen Erkundung, vom Grüne Gewölbe zu Saengers Phall.

Wer erkunden will, wie die Profis das mit #12von12 machen, schaut am besten bei Draußen nur Kännchen! und der dort beinhalteten Liste nach.

It might get loud – “Faust” am Residenztheater

Schon die Warnschilder im Foyer weisen darauf hin, dass der aktuelle “Faust” am Residenztheater München nichts für schwache Herzen ist. Das ist natürlich übertrieben, aber er spart nicht mit Knalleffekten und lässt auch nicht den Einsatz der Stroboskopbeleuchtung aus. Gestern habe ich das Stück unter der Regie von Intendant Martin Kušej bereits zum zweiten Mal gesehen, nachdem ich letzten Juni der Zweitaufführung beigewohnt habe.

Und ich kann sagen, dass ich ihn wirklich gut und zeitgemäß finde. Mir gefällt die Graphic-Novel-Ästhetik der Inszenierung – abermals ein tolles Bühnenbild von Aleksandar Denić – mit ihren starken Schwarz-Weiß-Kontrasten, die durch den sturen Rhythmus (oder “Beat”) noch verstärkt wird. Es ist zuweilen, als ob man umblättert und dann in der nächsten Szene die nächsten gezeichneten Panels betrachten kann. Und mit der Länge von ca. drei Stunden ist es sicherlich eine der strafferen Faust-Inszenierung, was dem Stoff auch zugute kommt.

In ihrer Bearbeitung verlassen sich Martin Kušej und seine Dramaturgen Angela Obst und Albert Ostermaier darauf, dass das Publikum den Faust als deutschen Kanon bereits kennt und kürzen ihn auf teilweise auf die relevanten Bestandteile vieler Szenen und befreien ihn vom Schwulst. Auch verschieben sie einige Episoden der Walpurgisnacht und auch Faust II an den Anfang des Stücks, was dabei hilft den Rhythmus zu etablieren und dann auch in der zweiten Hälfte so aufrecht zu erhalten.

In dieser Fassung ist Faust kein edel leidender Sinnsucher, der von Mephisto verführt die Welt in Grund und Asche legt, sondern ein gieriger, hungriger Mensch, der die Zerstörung, die er anrichtet, mindestens billigend in Kauf nimmt. Teilweise scheint er zwar Reue zu zeigen, aber schlußendlich ist diese auch falsch und hohl, er rettet nichts, weder Philemon und Baucis noch Gretchen, auch wenn er dazu Absicht zu beteuern scheint. Es ist ein Faust für unsere Zeit, entrümpelt von Erdgeistern und von Gott, der enthüllt, wie leer doch die Gier ist, mit der sich Faust durch die Weltgeschichte ätzt. Dabei kommt auch heraus, dass Faust und Mephisto zwei Seiten ein- und derselben Medaille sind, was sicherlich auch an dem tollen Duo von Bibiana Beglau als Mephisto und Werner Wölbern als Faust liegt. Da stimmt einfach die Chemie im Spiel und auch der Kniff, den Mephisto mit Bibiana Beglau weiblich zu besetzen hilft dabei, das Wechselspiel der gegenseitigen Triebe und Antriebe zu etablieren.

Was hier für mich persönlich aber auch deutlich wird, ist wie die Gretchenträgodie, dieses religiös-bürgerliche Trauerspiel, aus dem Goetheschen Textrahmen fällt. Im Vergleich zu den anderen Versuchen Mephistos, Fausts Gier zu stillen und seine Wette zu gewinnen, wirkt diese Episode eigentlich erbärmlich bieder und zumindest brandete in mir persönlich die Frage auf, warum diese eigentlich so eine herausragenden Stellung im Text hat. Gut, es is wohl auch einfach so, dass die inhärente Religiösität der Episode in unserer jetzigen Gesellschaft auch keine große Resonanz oder Relevanz hat. Die berühmte Gretchenfrage ist auch hier nur ein Comicpanel unter vielen. So halten wir es heute halt mit der Religion. Darüber kann leider Andrea Wenzls tolles Spiel als ein durchaus selbstbewusstes Gretchen, was bei der Besetzung zu erwarten war, wenn man sie als Katharina in “Der Widerspenstigen Zähmung” gesehen hat, auch nicht hinwegtäuschen. Sie braucht keinen Herrgott, der sie rettet, sie rettet sich auf ihre Art selber, indem sie ihr Ende selbst bestimmt. Schön ist, dass Kušej sich hier nicht beirren lässt und den Rhythmus seiner Inszenierung gnadenlos beibehält. An dieser Stelle seien aus dem Rest des guten Ensembles noch Hanna Scheibe als Frau Marthe Schwerdtlein und Silja Bächli als Hexe hervorgehoben.

Ich kann ihn empfehlen, diesen “Faust” von Kušej, man sollte halt seine Vorurteile an der Garderobe abgeben und ihn mit einem offenen Geist und wachen Sinnen betrachten. Dann muss man auch nicht unendlich streben. Klassiker sind schließlich deswegen Klassiker, weil sie immer wieder neuen Betrachtungsweisen und Bearbeitungen standhalten und in den verschiedensten gesellschaftlichen Epochen neue Erkenntnisse liefern.

But be warned: it might get loud.

Apocalypse Baal – Extended Cut

Er macht halt ein anderes Theater. Ein Theater, das laut ist, und deklamierend; es nervt mit Absicht, es driftet in den Slapstick ab, es ermüdet und zermürbt das Publikum. Aber dabei ist es auch intensiv und sprüht vor Ideen und Spiellust.

Am Donnerstag letzter Woche hatte nun die neueste Inszenierung von Frank Castorf Premiere am Münchner Residenztheater, und dieses Mal hatte er sich den “Baal” von Bertolt Brecht vorgeknüpft, jenes frühe Stück des Dichters über der selbstzerstörerischen Dichter, der sich durch eine Stadt des Deutschlands nach dem ersten Weltkrieg hurt und säuft und dabei scheinbar alles verschlingen und zerstören möchte, was ihm im Wege steht. Und so marodiert an diesem Theaterabend Aurel Manthei als Baal durch das Bühnenbild von Aleksandar Denić, der abermals eine verschachtelte, fast in sich geschlossene Welt erschaffen hat, in der das Spiel oft auch nur per Livevideo auf den Leinwänden, die über dieser schweben, erschlossen werden kann. Wenn diese nicht ausreicht, nutzt Castorf einen Greenscreen hinter der Bühne, um mit weiteren Livevideos auszuschweifen. Durch diese Bühnenwelt wird Baal die meiste Zeit begleitet von seinem Gefährten Ekart (Franz Pätzold) und seiner Geliebten Sophie (Castorf-Neuling Andrea Wenzl), stellvertretend für alle Frauen, die Baal im Brechtschen Original liebt. Dazu kommt Bibiana Beglau, die in keiner Münchner Castorf-Inszenierung fehlen darf, als die Höllengemahlin Isabelle, ebenso wie Katharina Pichler, Jürgen Stössinger und Götz Argus, die in diversen Nebenrollen sehr kompetent unterstützen. Dazu kommt Opernsängerin Hong Mei, die während des Stücks immer wieder Arien aus Puccinis “Madama Butterfly” zu Besten gibt. Dabei bedient sich Castorf, wie immer, nicht nur des Textes des Originals, sondern zersetzt diesen und setzt ihn mit Material aus anderen Quellen wieder zusammen. Hier ist es hauptsächlich Francis Ford Coppolas “Apocalypse Now” und dessen düstere Version des Vietnamskriegs. Dabei dürfen ein Hubschrauber auf der Bühne und das Zitat vom Geruchs des Napalms am Morgen natürlich nicht fehlen.

Von Castorf kenne ich nur die drei Inszenierungen, die er seit Beginn der Intendanz von Marint Kušej ans Residenztheater gebracht hat, also “Kasimir und Karoline” von Ödön von Horvrath, “Reise ans Ende der Nacht” nach dem Roman von Louis-Ferdinand Céline und eben jetzt den “Baal” von Bertolt Brecht. Was diesen allen gemein ist, ist die Länge von über jeweils über vier Stunden. Denn Castorf lässt den Ideen, die er auf die Bühne bringt, wenn nicht notwendigerweise den physischen Raum, aber die Zeit, sich auf der Bühne zu entwickeln. Das führt dazu, dass diese Stücke dann ihre Längen haben bzw. keinen Rhythmus oder präzises Timing entwickeln, wie ich das oft in anderen Stücken erlebe. Aber man sollte sich weder vom lauten Spiel noch von möglicherweise zu langen Szenen ablenken lassen. Castorf will zwar nerven, aber nicht mehr wirklich erschrecken. Nur die konservativsten und rückwärtsgewandtesten der Theaterbesucher werden sich bei Castorf noch erschrecken und es sind meiner subjektiven Wahrnehmung nach deutlich weniger Leute zur Pause gegangen als noch bei der Premiere von “Reise ans Ende der Nacht”.

Und Castorf hat durchaus etwas zu sagen, trotzdem er seine Assoziationen scheinbar beliebig durcheinanderwürfelt und einfach direkt und unverblümt deklamieren lässt. In meinen Augen hat er nämlich durchaus eine gesellschaftliche und politische Aussage in dieser Inszenierung versteckt, aber bevor ich dazu weiter ausschweife, möchte ich noch ein paar Momente erwähnen, die für mich persönlich in der Inszenierung stark waren. Interessanterweise blieben mir da genau die Stellen vor und nach der Pause so wie am Ende des Stückes im Gedächtnis hängen. Vor der Pause ergibt sich eine längere Sequenz, die mit einer Szene vor dem Greenscreen beginnt, in der das gesamte Ensemble die im Hintergrund projizierte Szene mal synchron, mal zeitversetzt nach- bzw. vorspricht. Die Szene ist aus “Apocalypse Now Redux” und zeigt den Empfang von Captain Willard und der Besatzung seines Bootes auf der Plantage französischer Kolonialisten in Vietnam und das anschließende Bankett im Haus. Auf ersten Blick schien sich diese Szene viel zu lang hinzuziehen, aber als diese dann auf der Bühne in einem Bankett mündet, das in einer von Opiumrauch geschwängerten Atmosphäre stattfindet und ganz ruhig die Eröffnungsszene des Baal, die auf einer Party von Baals Gönner spielt, nachspricht und deren Text bereits am Anfang der Inszenierung von Manthei, Pätzold und Wenzl von der Bühne gefeuert wurde. Diese doppelte Dopplung war ein grenzgenialer Kniff und hat mich etwas verdutzt, aber nachdenklich in die Pause entlassen. Aus dieser kam das Stück sehr sanft zurück, als minutenlang nur ein wabernde, leicht bedrohliche musikalische Untermalung den vom Band kommenden, fast faustischen Satz “Es wohnen zwei Seelen in deiner Brust. Eine, die liebt und eine die tötet.”, der dem Ende der Bankettszene des Films entnommen war, wiederholte. Gegen Ende des Stückes stellte sich mir als Zuschauer nun die Frage, wie Castorf denn aus seinem Labyrinth von Ideen und Assoziation herausfinden würde, was er mit “gar nicht” beantwortete. Beziehungsweise, er entlarvte die Illusion seinen Bühnenbildes, in dem er das nicht gerade schmeichelnde normale Bühnenlicht anmachte und sein starkes Ensemble auf und um den Hubschrauber herum den restlichen Text im Stile einer Laientruppe in einem Brechtschen Lehrstück herunterspielen ließ, was für mich den Abgang gewollt stümperhaft und damit irgendwie liebenswürdig machte. Ein genialer Schachzug.

Es sei noch kurz der einzige Wermutstropfen erwähnt, denn das Sounddesign war wohl nicht gewollt so unterdurchschnittlich, wie es rübergekommen ist. Es gab einfach zu viele Momente, wo es nicht gut abgestimmt war. Das Boom-Mikrofon war nicht immer rechtzeitig bei dem/der Schauspielerin, der/die gerade zum Sprechen anhob, ebenso wie leider recht oft das Timing, die Lautstärke der eingespielten Musik wieder für den auf der Bühnen gesprochenen Text herunter zu regeln, einfach nicht stimmte. Was leider manchmal den Fluss Stückes wirklich unnötig und auf eine ärgerliche Weise ins Stocken brachte. Ich hoffe, es war vielleicht nur dem Premierenabend geschuldet und das Problem ist bei zukünftigen Vorstellungen behoben.

Abschließend will ich noch ein bisschen auf das eingehen, was ich die als die gesellschaftliche bzw. politische Aussage empfunden habe, die Castorf in der Inszenierung nicht notwendigerweise verborgen hat, diese aber auch nicht in der Vordergrund gestellt hat. Dass er sich nämlich ausgerechnet auf die Szene in “Apocalypse Now Redux” draufgesetzt hat, die sich mit dem französischen Kolonialismus ist auseinandersetzt und, nebenbei, auch gar nicht in der Originalversion des Films vorkommt, war für mich ein Verknüpfungspunkt zu seiner vorangegangenen Münchner Inszenierung “Reise ans Ende der Nacht”, in deren Romanvorlage die Hauptfigur Ferdinand Bardamu in die französischen Kolonien in Afrika geht, nachdem er den ersten Weltkrieg überlebt hat. Offensichtlich treiben Castorf der französische Kolonialismus, der von allem europäischen Kolonialismus am spätesten endete, und seine Folgen um. Schließlich wäre es ja gerade bei dem Themenkomplex des Vietnamkriegs ein leichtes gewesen, die Verfehlungen der Amerikaner zu thematisieren. Auch im Programmheft und im Stück bezieht sich Castorf explizit auf Jean-Paul Sartre, der sich im Vorwort zu Frantz Fanons “Die Verdammten dieser Erde” mit dem Kolonialismus auseinandersetzt:

“In den Kolonien zeigte sich die Wahrheit nackt: In der eine Kolonie hat sich das Mutterland damit begnügt, einige Feudalherren zu bezahlen, in der anderen Kolonie hat es nach dem Prinzip ‘Divide et impera’, einen Kolonisiertenbourgeoisie aus dem Boden gestampft. Wieder woanders wurde ein hat es ein doppeltes Spiel gespielt: Die Kolonie ist gleichzeitig Ausbeutungs- und Ansiedlungskolonie. So hat Europa die Spaltungen und Gegensätze vermehrt, künstlich Klassen und manchmal auch Rassismen geschaffen und mit allen Mitteln versucht, eine Aufspaltung der kolonialisierten Gesellschaften in verschiedenen Schichten hervorzurufen und zu vertiefen.”

Auch dessen Spätfolgen, diese soziale Spaltung und der praktizierte und institutionalisierte Rassismus habe ich immer wieder in der Inszenierung durchklingen hören. Und die Bezugnahme auf Paris als Zentrum und Symbol Frankreichs wurde sogar durch die Aktualität der Ereignisse von Anfang Januar stärker und wirkungsvoller als Castorf vorausahnen Konnte. Aber die Szene, in der die Darsteller über Paris schweben und dann die Kamera noch einmal über diese Bilder der Stadt ohne die Darsteller abfährt, wirkte auf mich wirklich unheimlich. Es sei auch noch der interessante Artikel von Matthias Heine in der WELT erwähnt, wo er gar die Figur des Baal und damit auch den jungen Brecht in der französischen Tradition des Poéte maudit wähnt und damit Castorfs Faszination mit Frankreich in allem Schlechten wie Guten noch stärker macht, als ich sie empfunden habe.

Nicht nur deswegen verspüre ich die große Lust, mir sowohl “Baal” als auch “Reise ans Ende der Nacht” jeweils noch einmal im Residenztheater zu Gemüte zu führen, um zu sehen, ob diese Wahrnehmungen meinerseits sich bestätigen oder gar vertiefen zu lassen. Aber auch, weil zumindest mir Theaterabende mit Castorf Spaß machen. Und der sollte nie zu kurz kommen.

Die Reise geht auch nach der Apokalypse weiter …

Nachtrag vom 24.2.2015:

Die Reise geht wohl weiter, aber die Apokalypse wurde erst einmal aufgehalten. Ich werde nicht die Chance haben, mir “Baal” in dieser Form noch ein zweites Mal anzuschauen, da ein gerichtlicher Vergleich zwischen dem Suhrkamp Verlag als Rechteinhaber und Vertreter der Erben Brechts und dem Residenztheater vorsieht, dass diese nur noch einmal in München, und zwar schon diese Woche am 28.2.2015, und dann noch einmal auf dem Theatertreffen 2015 in Berlin aufgeführt werden darf. Es kam zu diesem Vergleich, da der Suhrkamp Verlag wohl zurecht auf Unterlassung der Aufführung dieser Inszenierung geklagt hatte, weil die Aufführungsrechte für den “Baal”-Text nicht eingeräumt wurden (hier eine ausführliche Analyse von Prof. Dr. Rupprecht Podszun für nachtkritik.de). Dennoch bleibt es zu hoffen, dass diese Inszenierung, die ja doch auch zu nicht unbeträchtlichem Teil aus Fremdtexten besteht – auch ein zentraler Aspekt der Klage, in einer anderen Form ohne den Text Brechts in einer Art Director’s Cut oder “Baal Redux” weiterleben kann. Denn die Gedanken zu Gier und Kolonialismus, die sich Castorf in der Inszenierung gemacht hat, bleiben auch ohne Brechts “Baal” als Aufhänger interessant und relevant. The show must go on!

Nachtrag vom 20.4.2015:

Jetzt ist es leider traurige Gewissheit. Die “Baal”-Inszenierung wird leider auch nicht in einer abgeänderten Form weiterleben, wie der Intendant des Residenztheaters, Martin Kušej, in dieser deutlichen Mitteilung vom 17.4.2015 bestätigte. Es ist ein Verlust für die künstlerische Auseinandersetzung und auch ein Armutszeugnis für die Verwalter des Brechtschen Erbes. Nach einer allerletzten Aufführung am 17.5.2015 auf dem Theatertreffen in Berlin fällt der Vorhang für Frank Castorfs “Baal”. Schade.

Das Mädchen schweigt. Das Abendland marschiert.

Ich kann es immer noch nicht fassen. Ich kann es immer noch nicht begreifen. Wie auch, wie auch? Ich fühle die Verwandtschaft mit dem Mann, den Intendant und Regisseur Johan Simons den Schauspieler Stefan Hunstein im Prolog zu Elfriede Jelineks Stück “Das schweigende Mädchen” seine Fassungslosigkeit in den Zuschauerraum der Münchner Kammerspiele schreien lässt.

Das Stück über den laufenden NSU-Prozess und seiner Hauptprotagonistin Beate Zschäpe, dem schweigenden Mädchen, habe ich am vergangenen Montag nun zum zweiten Mal gesehen und es hat mich genauso aufgewühlt wie beim ersten Mal. Simons hat das Stück als szenische Lesung mit einem subtilen Spiel und irritierend untermalender Musik inszeniert, vor einem provozierend an das Brettspiel “Pogromly” der NSU-Unterstützer angelehnten Bühnenbild. Der religiöse Subtext des Stückes wird durch die “Engel des Herrn” (Wiebke Puls, Benny Claessens, Steven Scharf), die “Propheten” (Anette Paulmann, Hans Kremer) und den” leidenden Messias” (Risto Kübar) dargestellt. Wie immer bei einem Jelinekstück nehmen diese dann während des Stücks andere Rollen und inhaltliche Positionen ein, mit der Ausnahme der Messiasfigur. Die einzig konsequent weltliche und eindeutige Figur ist die des Richter Götzl (Thomas Schmauser), die immer wieder versucht, der Komplexität der Sache klar durch Fragen Herr zu werden. Da ich glaube, dass vielleicht der ein oder andere Leser dieses Stück noch sehen und sich selber einen Eindruck machen möchte, will ich hier auch gar nicht weiter auf die Inszenierung selber eingehen.

Aber ich kann darüber reden, was diese Inszenierung mit mir gemacht hat und warum es mich so aufgewühlt hat. Beim ersten Mal fiel mir vor allem die Hilflosigkeit auf, die sowohl der Text als auch die Inszenierung ausstrahlen. Ich hatte mir von Elfriede Jelinek erhofft, dass vielleicht wenigstens sie mir einen Anhaltspunkt geben kann, mit dem ich diese unfassbare Serie von Terrormorden und das Versagen der Demokratie und des Rechtsstaates begreifen kann. Nun ja, noch hat der Rechtsstaat in Form des Münchner Oberlandesgerichts und des Richters Manfred Götzl die Chance, zumindest einen Teil dieses Versagens wieder gut zu machen. Aber ich begreife es immer noch nicht, ich kann es immer noch nicht fassen. Auch Elfriede Jelinek konnte mir nicht wirklich helfen, weil sie wohl selber auch nicht wusste, wie sie dem Thema beikommen soll. Ich weiß nur noch, mit welcher Wut ich aus dem Theater auf die eklig geleckte Maximilianstraße hinaustrat mit ihren lustwandelnden, den Mammon frönenden Menschen und diesen allen ins Gesicht schreien wollte, dass sie aufwachen sollen, dass sich dieser Ungerechtigkeit und der Verbrechen gewahr werden sollen. Ich konnte zuhause auch gar nicht so recht einschlafen, so aufgewühlt war ich. Und das war alles Anfang Oktober, das war vor Pegida.

Pegida. Die patriotischen Europäer. Das besorgte Abendland. Es marschiert, das besorgte Abendland. Oder war es doch das Volk? Gar das deutsche Volk? Sagt es zumindest, das Pegida, dass es das Volk sei. Ja jetzt ein europäisches Volk? Oder doch nur das gute deutsche Volk, das Angst hat vor Überfremdung und Islamisierung und überhaupt? Dessen Sorgen und Nöte wir ernst nehmen müssen. Sagt die reaktive Politik ohne Haltung, halt nein, mit Machterhaltung als einzigem Zweck. Zugestanden, vielleicht ist noch Wirtschaftsinteressen vertreten zweckmäßig. Aber man kann ja von Volksvertretern nicht verlangen, dass sie dem immer gewahr sind. Aber jetzt, wo das Volk wieder sagt, wer es ist, da wissen sie wieder wen sie vertreten müssen. Und es sind nicht die Hilfesuchenden, die Flüchtlinge, deren Menschenwürde in ihrer Heimat nicht geachtet wird und dann auch hier in Deutschland missachtet wird. Das goldene Stück Scheiße geht an euch!

Und da helfen auch nicht 12.000 Menschen auf dem Max-Joseph-Platz und Selbstbeweihräucherung des Bildungsbürgertums auf der Bühne, die Fahnen der verlogenen Parteien flatterten im milden Dezemberwind. Ich habe an “Platz da!” teilgenommen, um dort dem Pegida eine Zahl entgegenzusetzen, damit die Politik auch die Gegenposition ernst nimmt, die Position der Menschlichkeit und der Offenheit, die der Demokratie. Aber dann wurde halt auch nur viel musiziert und sich selbst abgefeiert. Es gab gute Momente, z.B. als der syrische Flüchtling zu Wort kam, leider fast gegen Ende, als mindestens ein Drittel der Menschen schon gegangen war. Auch die Lesung aus dem Jelinekstück “Die Schutzbefohlenen” war eindringlich und prägnant. Aber zwei Stunden rumstehen reicht nicht, das löst keine Probleme. Das goldene Stück Scheiße geht an uns!

Und dann habe ich “Das schweigende Mädchen” eben ein zweites Mal gesehen, so wie ich eigentlich oft interessante oder spannende Theaterstücke ein zweites Mal besuche. Und bemerkt, wie Elfriede Jelinek diese Attitüden der besorgten, unscheinbaren Bürger damals schon fast genauso analysiert und aufgegriffen hat und ich habe mich dabei ertappt, wie ich im Theater an manchen Stellen resignierend abwinkende und wütende Gesten gemacht habe, was nicht so schlimm war, da wir in einer der Logen hinten oben saßen und ich niemand hinter mir hatte. Also obwohl ich schon wusste, was mich erwartete, war ich ebenso wütend und aufgewühlt wie beim ersten Mal. Das ist einerseits gutes Theater, aber andererseits auch eine Anklage an das Deutschland des heutigen Tages.

Aber ist es wirklich nur das Deutschland des heutigen Tages? Ich habe in den letzten Tag auch zwei Ausstellungen besucht, einmal am Sonntag die Ausstellung “Krieg! Juden zwischen den Fronten 1914-1918” im Jüdischen Museum München und am Montag die Ausstellung “Erfolg: Lion Feuchtwangers Bayern” im Literaturhaus München. Und da stellt sich mir durchaus die Frage, ob ich mich vielleicht geirrt habe. Ist vielleicht Deutschland nicht das Deutschland, in dem ich aufgewachsen zu glauben schien? Eine demokratische, zumindest um Offenheit und Akzeptanz bemühte, Gesellschaft? Sind diese Ressentiments gegenüber dem vermeintlich Fremden nicht vielleicht doch essentiell für dieses Deutschland? Selbst die jüdischen Deutschen, die sich als wirklich deutsche Bürger begreifen und in den 1. Weltkrieg ziehen, kriegen ihre Hoffnung nicht erfüllt, dass ihre Teilnahme endgültig in der Emanzipation und Gleichstellung mündet, sondern in der gewohnten Diskriminierung und Ablehnung. Das in der empfehlenswerten Ausstellung vorgeführt zu bekommen ist durchaus bitter. Und auch das Bild der deutschen, halt, der bayrischen Gesellschaft, das Lion Feuchtwanger in seinem Schlüsselroman “Erfolg. Drei Jahre Geschichte einer Provinz.” in der Handlung und den Jahren 1921-1923 zeichnet und das in der Ausstellung mit Zeitdokumenten und Passagen untermalt ist, zeigt eine Gesellschaft, die allzu empfänglich für alles Rückwärtsgewandte und Bewahrerische ist und den kommenden Führer ist. Und ich stelle mir die Frage, ob sich in den letzten 100 Jahren wirklich etwas getan hat in unserer Gesellschaft.

Ich bin auf jeden Fall schon fast geneigt, den Worten zuzustimmen, mit denen die Figur des Richter Götzl “Das schweigende Mädchen” beendet: “So flieh, Fremdling, wenn du uns siehst, wenn du die Jungfrau siehst, wenn du ihre Söhne siehst, flieh Fremder …”

Ich halte hier jetzt mal inne, bevor ich noch abertausend weitere Wörter suchen und schreiben, aber dennoch nicht weiterkommen werde. Ich weiß, dass ich hier viele Fragen aufgeworfen und nicht beantwortet habe. Ich habe auch viele ungeordnete und auch undifferenzierte Gedanken zu Papier gebracht. Aber das ist schlichtweg ein Ausdruck meiner eigenen Hilflosigkeit und des Nicht-Begreifen-Könnens, den ich mal ungefiltert loswerden musste.

Als mageren Ersatz für einen abschließend zusammenfassenden Gedanken kann ich nur bieten, dass, sollte das Deutschland von Pegida und Konsorten wirklich das Deutschland des Jahre 2015 sein, ich es für mich persönlich dann nur mit der Band SLIME halten kann:

“Deutschland muss sterben, damit wir leben können.”