O Mnemosyne, ver(b)lass uns nicht!

“Sanity is a full-time job, in a world that is always changing.”

“Questions arose. Like, what in the fuck was going on here, basically?”

„Jedes Ding hat drei Seiten, eine positive, eine negative und eine komische.“

Wir leben in Zeiten des Aufbruchs. Gewissheiten brechen auf. Grenzen brechen auf. Menschen brechen auf. Und wir sind damit überfordert. Wo ankern wir in dieser überall verknüpften, ständig fließenden Welt? Wir verlieren uns in Details, wollen diese greifbar machen, verallgemeinern, werden der Komplexität nicht im geringsten gerecht, gaukeln uns Verständnis und Bewältigung vor. Wenn wir das überhaupt selbst tun. Das unselbstständige Ich rotiert um die eigene Achse, lässt sich von äußeren lauten, vermeintlich klaren Stimmen leiten. Schwarz-Weiß statt Grauschatten. Dogmen statt Differenzierung. Und wir versumpfen in Grabenkämpfen in den neuen und den alten Netzwerken, den sozialen und asozialen.

„Wir leben in einer Zeit der einfachen Antworten. Was nicht in einen Hauptsatz passt, überfordert. Was sich nicht mit einem Ausrufungszeichen versehen lässt oder ebensogut mit einem Emoticon ausgedrückt werden könnte, ist verdächtig. Wo die Fundamentalismen den Ton angeben, gibt es nur noch Freund oder Feind, Like oder Dislike. Wo Meinungen produ­ziert werden statt Argumente, bleibt wenig Platz zum Nachdenken.“

Wir leben in einer Zeit, in der uns mehr Information als jemals zuvor in der Menschheitsgeschichte frei, öffentlich und demokratisch zugänglich ist; aber wir können immer weniger damit umgehen. Das stellt auch gemeinsame Chiffren oder Bilder, anders gesagt, unser kollektives Gedächtnis in Frage. Und wenn unser kollektives Gedächtnis in Frage steht, stehen damit nicht auch die Werte, die unsere gemeingesellschaftliche Basis unterfüttern, und gesellschaftliche Solidarität in Frage?

“And the more chaotic the times, the greater the demand for these absolutes.”

Unsere Aufmerksamkeitsspanne wird immer kürzer. Symbole sind unsere Placebos. Tiefergehendes Verständnis oder Handeln wird für leere Gesten geopfert, echte Konsequenzen werden nicht nachverfolgt. Und wir sind überrascht, wenn Handlungen dann doch Konsequenzen haben, die wir vorher nicht begriffen hatten. Wir überlassen uns vermeintlich Starken, die uns Antworten diktieren, die wir nicht selber finden können. Und der vermeintlich Schwache lässt sich von genau den Leuten verarschen und vereinnahmen, die ihn erst schwach gemacht haben.

„Jede Jugend ist die dümmste, die es je gegeben hat. Alle älteren Generationen, ihre glattrasierten Väter und die bärtigen großväterlichen Onkel die schuldigsten. Die Schuldigen fürchten sich vor den Dummen.“

“The Trouble with many of us is that at the earlier stages of our life we think we know everything – or, to put it more usefully, we are often unaware of the scope and structure of our ignorance. Ignorance is not just a blank space on a person’s mental map. It has contours and coherence, and for all I know rules of operation as well.”

Die Verantwortung der intellektuellen Eliten, unsere Verantwortung, in Zeiten der Krise darf nicht geleugnet werden; obwohl, eigentlich besteht diese Verantwortung immer, ob Krise oder nicht. Auch hier lässt Selbstzentrierung den Blick für die großen Notwendigkeiten verlieren. Es ist unser Versagen, das Versagen der Eliten. Können wir Ignoranz entgegentreten, ohne uns dabei ständig der eigenen Überlegenheit versichern zu müssen? Ohne paternalistisch intellektuellen Kolonialismus auszuüben? Lässt sich Empathie für Empathielosigkeit aufbringen? Wie übernimmt man Verantwortung in Zeiten der Verantwortungslosigkeit?

“The masses of humanity have always had to suffer”

„Ich fürchte mich vor der Schande, auf dieser Welt glücklich zu sein.“

Wir könnten solidarisch sein. Wir könnten helfen. Wir könnten gerecht sein. Wir könnten teilen. Aber das sehen wir nicht bei unserer Nabelschau. Tausende Reflektionen unserer selbst, die wir für andere halten. Denen wollen wir helfen und gerecht werden und sind doch es doch nur uns selbst gegenüber. Ungleich und unglücklich taumeln wir dahin.

„Art belongs to everybody and to nobody. Art belongs to all time and no time. Art belongs to those how create it and to those who savour it. Art no more belongs to the People and the Party than it once belonged to the aristocracy and the patron. Art is the whisper of history, heard above the noise of time. Art does not exist for art’s sake; it exists for people’s sake.“

„Kunst ist was für die Massen, denen man sie aber nicht erklären kann. Kunst ist prinzipiell unerklärlich. Nur zwei, drei Leute verstehen sie. Sie ist ein Phänomen, sie ist sichtlos, sinnlos, nutzlos.“

„Kunst um der Kunst willen wird schließlich steril und verliert jede sittigende Kraft, verliert alles gesellschaftlich Befruchtende.“

Kunst dreht sich nicht um sich selbst. Sonst ist sie leer. Kunst, die nicht politisch sein will, ist nicht unpolitisch. Sie ist reaktionär. Kunst kann Erkenntnis gebären, sie speist sich aus dem kollektiven Gedächtnis. Sonst ist sie sinnlos. Da liegt die Verantwortung des Künstlers in der Gesellschaft. Wir leben nicht im Vakuum. Der Künstler nährt sich aus der gesamten Kunstgeschichte, nein, der ganzen Menschheitsgeschichte, aus der Vergangenheit und aus der Gegenwart. Er nährt sich aus allem geschafften Wissen, allen Wissenschaften. Damit schafft der Künstler vielleicht ein Stück Zukunft. Sind wir uns dessen nicht bewusst, sind wir in Gefahr. Nichts Neues unter der Sonne, doch unendliche Möglichkeiten, das zeigt uns die Kunst.

“To have humanism we must first be convinced of our humanity. As we move further into decadence this becomes more difficult.”

„Fremd ist der Fremde nur in der Fremde.“

Da ist auch die Hilflosigkeit, die Machtlosigkeit, aus Beobachtungen und Erkenntnissen etwas Proaktives oder Positives entstehen zu lassen. Wir landen so leicht bei Kulturpessimismus, Zynismus oder einem dauerhaften Zustand des Achselzuckens, der Gleichgültigkeit. Wir sollten sie wachrütteln, so dass Sinn und Geist wieder benutzt werden. Warum fragen wir uns nicht mehr? Wie schaffen wir eine Gesellschaft mit Raum für Zeit und Neugier? Wer fragt und hinterfragt, findet seine Antworten. Wer offen ist für Neues und Fremdes, wird nicht verhärten. Dann ist das Neue nicht mehr neu, und das Fremde nicht mehr fremd. Es ist uns vertraut. Es ist schwer, einen offenen Geist und ein offenes Herz zu verschließen. Wir schaffen das.

„Wer sich dem Sog fremder Phantasie nie ausge­setzt hat, kann sehr schwer eigene entwi­ckeln; kann Bedro­hungen und Zwänge der wirk­li­chen Welt kaum Aktivität entge­gen­setzen, nicht einmal Toleranz. Denn der, der Muße nicht kennen­ge­lernt hat, bleibt ohne Initia­tive. Der Mensch, der nicht träumt, wird wahn­sinnig. Eine Gesell­schaft, die den Traum wegfil­tert, ist anfällig dem Wahn. […] Intel­lek­tu­eller Trägheit entspricht schnell mora­li­sche Leere. Sie ist auffüllbar zum Beispiel mit poli­ti­schem Chaos.“

„Saubande, dreckerte.“

Wir benutzen Filter, die wir zwischen Realität und Augen, Hirn und Herz schieben. Uns zählt nur noch die Reproduktion des Moments und die sofortige Verbreitung und Vervielfältigung anstatt der bewussten Erfahrung bzw. Wahrnehmung des Moments mit allen ursprünglichen Sinnen. Verarbeitung findet nicht mehr statt. Uns zählt nur noch die Bestätigung, das Häkchen, dass der Moment stattgefunden hat. Von der Inszenierung des Moments ganz zu schweigen. Keine Reproduktion und Vervielfältigung kann die Aura des Originals besiegen. Wir müssen uns überwältigen lassen.

“Another day, I know they say,
that all the world’s a stage.
I’ll play the fool, but as a rule,
I’d rather act my age.”

“It’s not where you take things from – it’s where you take them to.”

Wir können sehr einfach in filmischer und fotografischer Form reproduzieren, wir können viel leichter inszenieren. Wir führen Regie, indem wir Unmengen von Material reduzieren. Einst erforderte das von uns eine bewusste und wohlüberlegte Entscheidung aufgrund von Einschränkungen; das Foto oder der Film mussten sitzen, wir hatten erst Gewissheit, als es zu spät für eine zweite Chance war. Freilich haben wir Reisende in Raum und Zeit uns und unsere Berichte schon immer inszeniert, aber durch die Demokratisierung des Reisens und der Einfachheit der Wiedergabe ist eine Überladung erschaffen worden, die wir zu bewältigen lernen müssen.

„Fußball ist besser als Anarchie.“

“The Germans are disputing it. Hegel is arguing that the reality is merely an a priori adjunct of non-naturalistic ethics, Kant via the categorical imperative is holding that ontologically it exists only in the imagination, and Marx is claiming it was offside.”

Wir brauchen Brot und Spiele. Unser Es muss seinen Auslauf bekommen, die Emotionen explodieren dürfen. Aber auch hier lauert Erkenntnisgewinn, nicht nur über uns selber. Ein Spiel mag uns in fremde Welten führen, örtlich und menschlich. Auch hier muss unser Geist offen sein, hier gibt es zu verstehen. Sei es über Gemeinschaft, sei es sogar über Kultur. Wo immer wir Fremdem offen begegnen, können wir für die Gesellschaft tätig sein. Und wenn es beim Fußball ist.

“Times of great idealism carry equal chances for greater corruptibility.”

„I refuse to abuse what is kind to the muse, but it’s there and it’s happening to me along the way.”

“The world is crazy, spinning out of control, got to get together, cause it’s taking a toll. It’s getting uglier every day.“

Die sozialen und auch die traditionellen Medien sind eine einzige Weltverzweiflungsmaschine, Windmühlen des Weltschmerzes, angetrieben von zwanghaftem Furor und pathologischer Hysterie. Uns geht es in dieser Welt vermutlich nicht besser, oder schlechter, als sonst auch, aber es wirkt so auf uns. Die vermeintlichen Informationen, die in Echtzeit auf uns hereinprasseln, werden verstärkt, meist negativ, sei es durch zustimmende Übertreibung oder herablassenden Überlegenheitsdünkel. Und so wird unsere Wahrnehmung immer hässlicher, solange wir uns nicht entkoppeln können. Unsere Lust an der Dekonstruktion von Details ist ein Fluch. Es fehlt der Blick aufs große Ganze. Und wir machen uns kaputt.

 

“Why does a missile look like a cock, why is the world so fucked up?“

Wir sind kaputt.

„Die Welt ist zu einer Krankheit geworden.“

Wir sind befallen.

Wir sind Ödipus. Egal wie kritisch wir uns mit den Ursachen der Pest auseinandersetzen, wie sehr wir dagegen sind und wie schön wir dies in einem einfachen Hauptsatz formuliert kriegen: Wir sind es selbst!“

Wir sind Patient Zero.

„Auf einen Totenacker hat sie ihr Weg geführt.“

Wir sind am Ende.

 

“Was liffe worth leaving?”



Ich habe diesen Text für das Arbeitsbuch “Mnemosyne” des Künstlers Michael Grossmann verfasst. Mehr zum Projekt “Mnemosyne” und zu anderen aktuellen Arbeiten gibt es auf seinem Blog “Saengers Phall – work in progress”.

Zitaturheber (in order of appearance):
Bad Religion, Thomas Pynchon, Karl Valentin, Nicolas Stemann, William Gaddis, Ingeborg Bachmann, Thomas Pynchon, Bad Religion, Heiner Müller, Julian Barnes, Elfriede Jelinek, Oskar Maria Graf, Thomas Pynchon, Karl Valentin, Fritz J. Raddatz, Karl Valentin, The Rutles, Jean-Luc Godard, Unbekannter Schweizer, Monty Python, Thomas Pynchon, Bad Religion, Redd Kross, Redd Kross, Ingeborg Bachmann, Nicolas Stemann, Elfriede Jelinek, James Joyce

Das Mädchen schweigt. Das Abendland marschiert.

Ich kann es immer noch nicht fassen. Ich kann es immer noch nicht begreifen. Wie auch, wie auch? Ich fühle die Verwandtschaft mit dem Mann, den Intendant und Regisseur Johan Simons den Schauspieler Stefan Hunstein im Prolog zu Elfriede Jelineks Stück “Das schweigende Mädchen” seine Fassungslosigkeit in den Zuschauerraum der Münchner Kammerspiele schreien lässt.

Das Stück über den laufenden NSU-Prozess und seiner Hauptprotagonistin Beate Zschäpe, dem schweigenden Mädchen, habe ich am vergangenen Montag nun zum zweiten Mal gesehen und es hat mich genauso aufgewühlt wie beim ersten Mal. Simons hat das Stück als szenische Lesung mit einem subtilen Spiel und irritierend untermalender Musik inszeniert, vor einem provozierend an das Brettspiel “Pogromly” der NSU-Unterstützer angelehnten Bühnenbild. Der religiöse Subtext des Stückes wird durch die “Engel des Herrn” (Wiebke Puls, Benny Claessens, Steven Scharf), die “Propheten” (Anette Paulmann, Hans Kremer) und den” leidenden Messias” (Risto Kübar) dargestellt. Wie immer bei einem Jelinekstück nehmen diese dann während des Stücks andere Rollen und inhaltliche Positionen ein, mit der Ausnahme der Messiasfigur. Die einzig konsequent weltliche und eindeutige Figur ist die des Richter Götzl (Thomas Schmauser), die immer wieder versucht, der Komplexität der Sache klar durch Fragen Herr zu werden. Da ich glaube, dass vielleicht der ein oder andere Leser dieses Stück noch sehen und sich selber einen Eindruck machen möchte, will ich hier auch gar nicht weiter auf die Inszenierung selber eingehen.

Aber ich kann darüber reden, was diese Inszenierung mit mir gemacht hat und warum es mich so aufgewühlt hat. Beim ersten Mal fiel mir vor allem die Hilflosigkeit auf, die sowohl der Text als auch die Inszenierung ausstrahlen. Ich hatte mir von Elfriede Jelinek erhofft, dass vielleicht wenigstens sie mir einen Anhaltspunkt geben kann, mit dem ich diese unfassbare Serie von Terrormorden und das Versagen der Demokratie und des Rechtsstaates begreifen kann. Nun ja, noch hat der Rechtsstaat in Form des Münchner Oberlandesgerichts und des Richters Manfred Götzl die Chance, zumindest einen Teil dieses Versagens wieder gut zu machen. Aber ich begreife es immer noch nicht, ich kann es immer noch nicht fassen. Auch Elfriede Jelinek konnte mir nicht wirklich helfen, weil sie wohl selber auch nicht wusste, wie sie dem Thema beikommen soll. Ich weiß nur noch, mit welcher Wut ich aus dem Theater auf die eklig geleckte Maximilianstraße hinaustrat mit ihren lustwandelnden, den Mammon frönenden Menschen und diesen allen ins Gesicht schreien wollte, dass sie aufwachen sollen, dass sich dieser Ungerechtigkeit und der Verbrechen gewahr werden sollen. Ich konnte zuhause auch gar nicht so recht einschlafen, so aufgewühlt war ich. Und das war alles Anfang Oktober, das war vor Pegida.

Pegida. Die patriotischen Europäer. Das besorgte Abendland. Es marschiert, das besorgte Abendland. Oder war es doch das Volk? Gar das deutsche Volk? Sagt es zumindest, das Pegida, dass es das Volk sei. Ja jetzt ein europäisches Volk? Oder doch nur das gute deutsche Volk, das Angst hat vor Überfremdung und Islamisierung und überhaupt? Dessen Sorgen und Nöte wir ernst nehmen müssen. Sagt die reaktive Politik ohne Haltung, halt nein, mit Machterhaltung als einzigem Zweck. Zugestanden, vielleicht ist noch Wirtschaftsinteressen vertreten zweckmäßig. Aber man kann ja von Volksvertretern nicht verlangen, dass sie dem immer gewahr sind. Aber jetzt, wo das Volk wieder sagt, wer es ist, da wissen sie wieder wen sie vertreten müssen. Und es sind nicht die Hilfesuchenden, die Flüchtlinge, deren Menschenwürde in ihrer Heimat nicht geachtet wird und dann auch hier in Deutschland missachtet wird. Das goldene Stück Scheiße geht an euch!

Und da helfen auch nicht 12.000 Menschen auf dem Max-Joseph-Platz und Selbstbeweihräucherung des Bildungsbürgertums auf der Bühne, die Fahnen der verlogenen Parteien flatterten im milden Dezemberwind. Ich habe an “Platz da!” teilgenommen, um dort dem Pegida eine Zahl entgegenzusetzen, damit die Politik auch die Gegenposition ernst nimmt, die Position der Menschlichkeit und der Offenheit, die der Demokratie. Aber dann wurde halt auch nur viel musiziert und sich selbst abgefeiert. Es gab gute Momente, z.B. als der syrische Flüchtling zu Wort kam, leider fast gegen Ende, als mindestens ein Drittel der Menschen schon gegangen war. Auch die Lesung aus dem Jelinekstück “Die Schutzbefohlenen” war eindringlich und prägnant. Aber zwei Stunden rumstehen reicht nicht, das löst keine Probleme. Das goldene Stück Scheiße geht an uns!

Und dann habe ich “Das schweigende Mädchen” eben ein zweites Mal gesehen, so wie ich eigentlich oft interessante oder spannende Theaterstücke ein zweites Mal besuche. Und bemerkt, wie Elfriede Jelinek diese Attitüden der besorgten, unscheinbaren Bürger damals schon fast genauso analysiert und aufgegriffen hat und ich habe mich dabei ertappt, wie ich im Theater an manchen Stellen resignierend abwinkende und wütende Gesten gemacht habe, was nicht so schlimm war, da wir in einer der Logen hinten oben saßen und ich niemand hinter mir hatte. Also obwohl ich schon wusste, was mich erwartete, war ich ebenso wütend und aufgewühlt wie beim ersten Mal. Das ist einerseits gutes Theater, aber andererseits auch eine Anklage an das Deutschland des heutigen Tages.

Aber ist es wirklich nur das Deutschland des heutigen Tages? Ich habe in den letzten Tag auch zwei Ausstellungen besucht, einmal am Sonntag die Ausstellung “Krieg! Juden zwischen den Fronten 1914-1918” im Jüdischen Museum München und am Montag die Ausstellung “Erfolg: Lion Feuchtwangers Bayern” im Literaturhaus München. Und da stellt sich mir durchaus die Frage, ob ich mich vielleicht geirrt habe. Ist vielleicht Deutschland nicht das Deutschland, in dem ich aufgewachsen zu glauben schien? Eine demokratische, zumindest um Offenheit und Akzeptanz bemühte, Gesellschaft? Sind diese Ressentiments gegenüber dem vermeintlich Fremden nicht vielleicht doch essentiell für dieses Deutschland? Selbst die jüdischen Deutschen, die sich als wirklich deutsche Bürger begreifen und in den 1. Weltkrieg ziehen, kriegen ihre Hoffnung nicht erfüllt, dass ihre Teilnahme endgültig in der Emanzipation und Gleichstellung mündet, sondern in der gewohnten Diskriminierung und Ablehnung. Das in der empfehlenswerten Ausstellung vorgeführt zu bekommen ist durchaus bitter. Und auch das Bild der deutschen, halt, der bayrischen Gesellschaft, das Lion Feuchtwanger in seinem Schlüsselroman “Erfolg. Drei Jahre Geschichte einer Provinz.” in der Handlung und den Jahren 1921-1923 zeichnet und das in der Ausstellung mit Zeitdokumenten und Passagen untermalt ist, zeigt eine Gesellschaft, die allzu empfänglich für alles Rückwärtsgewandte und Bewahrerische ist und den kommenden Führer ist. Und ich stelle mir die Frage, ob sich in den letzten 100 Jahren wirklich etwas getan hat in unserer Gesellschaft.

Ich bin auf jeden Fall schon fast geneigt, den Worten zuzustimmen, mit denen die Figur des Richter Götzl “Das schweigende Mädchen” beendet: “So flieh, Fremdling, wenn du uns siehst, wenn du die Jungfrau siehst, wenn du ihre Söhne siehst, flieh Fremder …”

Ich halte hier jetzt mal inne, bevor ich noch abertausend weitere Wörter suchen und schreiben, aber dennoch nicht weiterkommen werde. Ich weiß, dass ich hier viele Fragen aufgeworfen und nicht beantwortet habe. Ich habe auch viele ungeordnete und auch undifferenzierte Gedanken zu Papier gebracht. Aber das ist schlichtweg ein Ausdruck meiner eigenen Hilflosigkeit und des Nicht-Begreifen-Könnens, den ich mal ungefiltert loswerden musste.

Als mageren Ersatz für einen abschließend zusammenfassenden Gedanken kann ich nur bieten, dass, sollte das Deutschland von Pegida und Konsorten wirklich das Deutschland des Jahre 2015 sein, ich es für mich persönlich dann nur mit der Band SLIME halten kann:

“Deutschland muss sterben, damit wir leben können.”