Die Wucht des Gekreuzigten: Antonio Sauras “Crucifixión (Triptychon)” in der Pinakothek der Moderne

An einem Sonntag im Februar war ich eigentlich in die Pinakothek der Moderne gegangen, um mir den Saal 13 anzuschauen; dort wird zum ersten Mal der Schritt gewagt hat, die regimegetreue NS-Kunst zusammen mit entarteter Kunst gegenübergestellt im zeitlichen Kontext der Dauerausstellung zu präsentieren. Ich strich vorher also durch die Säle 1-12, um der künstlicherischen Zeitline bis 1933 nachzuspüren, bevor ich den Saal betrat. Ohne jetzt genauer darauf einzugehen, fand ich den Saal schlussendlich unbefriedigend, da er sich nicht intensiv genug mit der Thematik auseinandersetzen kann, weil ein Saal einfach zu wenig ist, um die Inkonsistenz der NS-Kunstpolitik oder die biedere bürgerliche Natur vieler regimegetreuen Werke erschöpfend und umfassend aufzuzeigen. Der Saal kann also nur ein erster Schritt sein, um diese wichtige Auseinandersetzung auch im musealen Kontext zu führen. Um diese Gedanken zusammenzufassen und an Anke zu schreiben, die sich hier auch schon mal mit Saal 13 auseinandergesetzt hat, ging ich zügig in den nächsten Saal mit einer freien Bank, der sich als Saal 16 herausstellte. Ohne Umschweife tippte ich meine Nachricht an Anke ins Handy, schickte ab, steckte das Handy weg und blickte auf:

IMG_6606

Ich war wie vom Schlag getroffen. Welche Wucht sprang mich da an? Wer war da ans Kreuz genagelt? Wer versetzte mir diesen Stich ins Herz?

Mit der spanischen Nachkriegskunst hatte ich mich schon etwas auseinandergesetzt, nicht zuletzt da im Wohnzimmer meines Elternhauses immer eine Lithographie von Antoni Tàpies hing, die sie in den 70er Jahren beim Kunstverein Bonn erstanden hatten. So hatte ich mir auch 2010 bei meinem Besuch in Barcelona die Fundaciò Antoni Tàpies ausführlich angeschaut und in anderen Museen immer wieder zu meiner Freude Werke von ihm entdeckt. Im Zuge einer meiner vielen Diskussionen mit meinem guten Künstlerfreund Michael kamen wir natürlich auch einmal auf Tàpies zu sprechen und er sprach zu mir davon, dass Tàpies und für ihn viel mehr noch Antonio Saura zu Unrecht unterschätzt würden. So hatte ich also auch angefangen, nach Sauras Werken Ausschau zu halten und war zuletzt im Oktober 2016 im Museo Reina Sofia in Madrid auf zwei seiner Frauenbilder gestoßen, und mir im dortigen Museumsbuchladen den Katalog seiner Retrospektive in Bern bzw. Wiesbaden 2012/13 für schlappe 18 Euro mitgenommen.

Ich erkannte ihn sofort wieder. Wie kein Zweiter kann er in Schwarz-Weiß und Grautönen kraft seines Pinselstriches so eine Dynamik erzeugen. Der Schmerz, das Leiden springen einen förmlich an. Wie der Kopf hervorschießt und aus dem Bild zu stoßen scheint. Ich saß mehrere Minuten lang schweigend auf der Bank und starrte “Crucifixión (Triptychon)” von 1959 an, die Gedanken zu Saal 13 wie von einem furiosen Streich weggewischt.

Zwei Monate strichen ins Land und als ich anlässlich des Karfreitags Mitte April ein Bild von Rogier van der Weydens “Kreuzigung” von 1457-1464, das ich im Palast El Escorial gesehen hatte, twitterte, antwortete ein guter Freund von mir mit einem Bild von Francis Bacon, und sofort schoß mir wieder Sauras Triptychon in den Kopf.

Es ging auch nicht wieder weg. Und so ging ich am Ostersonntag abermals in die Pinakothek der Moderne, einfach nur, weil ich mich wieder davor niederlassen und es betrachten wollte. Ich hatte im Katalog der Retrospektive und auf der Website der Pinakothek etwas mehr zum diesem Bild bzw. weiteren Kreuzigungsbildern aus Sauras Œuvre gelesen; der vom Franco-Regime politisch verfolgte Künstler reflektierte in diesen Werken nicht nur mit der kunstgeschichtliche Traditon der Kreuzigungsdarstellungen – er erwähnt z.B. “Cristo crucificado” von Diego Velázquez, das er als Kind im Prado gesehen hatte – sondern auch seine eigene, politisch prekäre Situation in den 50er Jahren.  Und plötzlich fiel mir etwas auf, was mir beim letzten Mal noch in der ganzen Wucht entgangen war: der Abdruck seiner Hand links. Und der Abdruck seines Fußes in der Mitte. Sehr viel deutlicher kann man den persönlichen Bezug gar nicht herstellen, auch der Kopf spiegelt seinen eigenen Gesichtszüge wider.

Überhaupt, die Hände. Die rechte Hand des Gekreuzigten links im Bild, der Abdruck, hinter dem ein hellgrauer länglicher Farbfleck förmlich explodiert, als wäre sie gerade erst an das weiße Kreuz auf dem ruhigen schwarzem Grund gedrückt worden, vielleicht von dem grauen Greifen rechts daneben am Arm. Die andere Hand jedoch, rechts im Bild, bereits grotesk geschwollen, mit einem explodieren schwarzen Stigma in der Mitte. Diese Hand, die mit dem Kopf zusammen vorschnellt und das Kreuz aus der Leinwand rausreißen möchte, als ob der Gekreuzigte aus dem Bild und vor seinem Schicksal noch entfliehen könnte. Immer wieder diese Dynamik, immer wieder diese Wucht.

Nun stand ich gestern bereits ein drittes Mal in ebensovielen Monaten vor dem Werk und kam wieder nicht davon los.

Es ist eine – meine – Museumsperle. Wobei definitiv diese mich gefischt hat, und nicht ich sie.

O Mnemosyne, ver(b)lass uns nicht!

“Sanity is a full-time job, in a world that is always changing.”

“Questions arose. Like, what in the fuck was going on here, basically?”

„Jedes Ding hat drei Seiten, eine positive, eine negative und eine komische.“

Wir leben in Zeiten des Aufbruchs. Gewissheiten brechen auf. Grenzen brechen auf. Menschen brechen auf. Und wir sind damit überfordert. Wo ankern wir in dieser überall verknüpften, ständig fließenden Welt? Wir verlieren uns in Details, wollen diese greifbar machen, verallgemeinern, werden der Komplexität nicht im geringsten gerecht, gaukeln uns Verständnis und Bewältigung vor. Wenn wir das überhaupt selbst tun. Das unselbstständige Ich rotiert um die eigene Achse, lässt sich von äußeren lauten, vermeintlich klaren Stimmen leiten. Schwarz-Weiß statt Grauschatten. Dogmen statt Differenzierung. Und wir versumpfen in Grabenkämpfen in den neuen und den alten Netzwerken, den sozialen und asozialen.

„Wir leben in einer Zeit der einfachen Antworten. Was nicht in einen Hauptsatz passt, überfordert. Was sich nicht mit einem Ausrufungszeichen versehen lässt oder ebensogut mit einem Emoticon ausgedrückt werden könnte, ist verdächtig. Wo die Fundamentalismen den Ton angeben, gibt es nur noch Freund oder Feind, Like oder Dislike. Wo Meinungen produ­ziert werden statt Argumente, bleibt wenig Platz zum Nachdenken.“

Wir leben in einer Zeit, in der uns mehr Information als jemals zuvor in der Menschheitsgeschichte frei, öffentlich und demokratisch zugänglich ist; aber wir können immer weniger damit umgehen. Das stellt auch gemeinsame Chiffren oder Bilder, anders gesagt, unser kollektives Gedächtnis in Frage. Und wenn unser kollektives Gedächtnis in Frage steht, stehen damit nicht auch die Werte, die unsere gemeingesellschaftliche Basis unterfüttern, und gesellschaftliche Solidarität in Frage?

“And the more chaotic the times, the greater the demand for these absolutes.”

Unsere Aufmerksamkeitsspanne wird immer kürzer. Symbole sind unsere Placebos. Tiefergehendes Verständnis oder Handeln wird für leere Gesten geopfert, echte Konsequenzen werden nicht nachverfolgt. Und wir sind überrascht, wenn Handlungen dann doch Konsequenzen haben, die wir vorher nicht begriffen hatten. Wir überlassen uns vermeintlich Starken, die uns Antworten diktieren, die wir nicht selber finden können. Und der vermeintlich Schwache lässt sich von genau den Leuten verarschen und vereinnahmen, die ihn erst schwach gemacht haben.

„Jede Jugend ist die dümmste, die es je gegeben hat. Alle älteren Generationen, ihre glattrasierten Väter und die bärtigen großväterlichen Onkel die schuldigsten. Die Schuldigen fürchten sich vor den Dummen.“

“The Trouble with many of us is that at the earlier stages of our life we think we know everything – or, to put it more usefully, we are often unaware of the scope and structure of our ignorance. Ignorance is not just a blank space on a person’s mental map. It has contours and coherence, and for all I know rules of operation as well.”

Die Verantwortung der intellektuellen Eliten, unsere Verantwortung, in Zeiten der Krise darf nicht geleugnet werden; obwohl, eigentlich besteht diese Verantwortung immer, ob Krise oder nicht. Auch hier lässt Selbstzentrierung den Blick für die großen Notwendigkeiten verlieren. Es ist unser Versagen, das Versagen der Eliten. Können wir Ignoranz entgegentreten, ohne uns dabei ständig der eigenen Überlegenheit versichern zu müssen? Ohne paternalistisch intellektuellen Kolonialismus auszuüben? Lässt sich Empathie für Empathielosigkeit aufbringen? Wie übernimmt man Verantwortung in Zeiten der Verantwortungslosigkeit?

“The masses of humanity have always had to suffer”

„Ich fürchte mich vor der Schande, auf dieser Welt glücklich zu sein.“

Wir könnten solidarisch sein. Wir könnten helfen. Wir könnten gerecht sein. Wir könnten teilen. Aber das sehen wir nicht bei unserer Nabelschau. Tausende Reflektionen unserer selbst, die wir für andere halten. Denen wollen wir helfen und gerecht werden und sind doch es doch nur uns selbst gegenüber. Ungleich und unglücklich taumeln wir dahin.

„Art belongs to everybody and to nobody. Art belongs to all time and no time. Art belongs to those how create it and to those who savour it. Art no more belongs to the People and the Party than it once belonged to the aristocracy and the patron. Art is the whisper of history, heard above the noise of time. Art does not exist for art’s sake; it exists for people’s sake.“

„Kunst ist was für die Massen, denen man sie aber nicht erklären kann. Kunst ist prinzipiell unerklärlich. Nur zwei, drei Leute verstehen sie. Sie ist ein Phänomen, sie ist sichtlos, sinnlos, nutzlos.“

„Kunst um der Kunst willen wird schließlich steril und verliert jede sittigende Kraft, verliert alles gesellschaftlich Befruchtende.“

Kunst dreht sich nicht um sich selbst. Sonst ist sie leer. Kunst, die nicht politisch sein will, ist nicht unpolitisch. Sie ist reaktionär. Kunst kann Erkenntnis gebären, sie speist sich aus dem kollektiven Gedächtnis. Sonst ist sie sinnlos. Da liegt die Verantwortung des Künstlers in der Gesellschaft. Wir leben nicht im Vakuum. Der Künstler nährt sich aus der gesamten Kunstgeschichte, nein, der ganzen Menschheitsgeschichte, aus der Vergangenheit und aus der Gegenwart. Er nährt sich aus allem geschafften Wissen, allen Wissenschaften. Damit schafft der Künstler vielleicht ein Stück Zukunft. Sind wir uns dessen nicht bewusst, sind wir in Gefahr. Nichts Neues unter der Sonne, doch unendliche Möglichkeiten, das zeigt uns die Kunst.

“To have humanism we must first be convinced of our humanity. As we move further into decadence this becomes more difficult.”

„Fremd ist der Fremde nur in der Fremde.“

Da ist auch die Hilflosigkeit, die Machtlosigkeit, aus Beobachtungen und Erkenntnissen etwas Proaktives oder Positives entstehen zu lassen. Wir landen so leicht bei Kulturpessimismus, Zynismus oder einem dauerhaften Zustand des Achselzuckens, der Gleichgültigkeit. Wir sollten sie wachrütteln, so dass Sinn und Geist wieder benutzt werden. Warum fragen wir uns nicht mehr? Wie schaffen wir eine Gesellschaft mit Raum für Zeit und Neugier? Wer fragt und hinterfragt, findet seine Antworten. Wer offen ist für Neues und Fremdes, wird nicht verhärten. Dann ist das Neue nicht mehr neu, und das Fremde nicht mehr fremd. Es ist uns vertraut. Es ist schwer, einen offenen Geist und ein offenes Herz zu verschließen. Wir schaffen das.

„Wer sich dem Sog fremder Phantasie nie ausge­setzt hat, kann sehr schwer eigene entwi­ckeln; kann Bedro­hungen und Zwänge der wirk­li­chen Welt kaum Aktivität entge­gen­setzen, nicht einmal Toleranz. Denn der, der Muße nicht kennen­ge­lernt hat, bleibt ohne Initia­tive. Der Mensch, der nicht träumt, wird wahn­sinnig. Eine Gesell­schaft, die den Traum wegfil­tert, ist anfällig dem Wahn. […] Intel­lek­tu­eller Trägheit entspricht schnell mora­li­sche Leere. Sie ist auffüllbar zum Beispiel mit poli­ti­schem Chaos.“

„Saubande, dreckerte.“

Wir benutzen Filter, die wir zwischen Realität und Augen, Hirn und Herz schieben. Uns zählt nur noch die Reproduktion des Moments und die sofortige Verbreitung und Vervielfältigung anstatt der bewussten Erfahrung bzw. Wahrnehmung des Moments mit allen ursprünglichen Sinnen. Verarbeitung findet nicht mehr statt. Uns zählt nur noch die Bestätigung, das Häkchen, dass der Moment stattgefunden hat. Von der Inszenierung des Moments ganz zu schweigen. Keine Reproduktion und Vervielfältigung kann die Aura des Originals besiegen. Wir müssen uns überwältigen lassen.

“Another day, I know they say,
that all the world’s a stage.
I’ll play the fool, but as a rule,
I’d rather act my age.”

“It’s not where you take things from – it’s where you take them to.”

Wir können sehr einfach in filmischer und fotografischer Form reproduzieren, wir können viel leichter inszenieren. Wir führen Regie, indem wir Unmengen von Material reduzieren. Einst erforderte das von uns eine bewusste und wohlüberlegte Entscheidung aufgrund von Einschränkungen; das Foto oder der Film mussten sitzen, wir hatten erst Gewissheit, als es zu spät für eine zweite Chance war. Freilich haben wir Reisende in Raum und Zeit uns und unsere Berichte schon immer inszeniert, aber durch die Demokratisierung des Reisens und der Einfachheit der Wiedergabe ist eine Überladung erschaffen worden, die wir zu bewältigen lernen müssen.

„Fußball ist besser als Anarchie.“

“The Germans are disputing it. Hegel is arguing that the reality is merely an a priori adjunct of non-naturalistic ethics, Kant via the categorical imperative is holding that ontologically it exists only in the imagination, and Marx is claiming it was offside.”

Wir brauchen Brot und Spiele. Unser Es muss seinen Auslauf bekommen, die Emotionen explodieren dürfen. Aber auch hier lauert Erkenntnisgewinn, nicht nur über uns selber. Ein Spiel mag uns in fremde Welten führen, örtlich und menschlich. Auch hier muss unser Geist offen sein, hier gibt es zu verstehen. Sei es über Gemeinschaft, sei es sogar über Kultur. Wo immer wir Fremdem offen begegnen, können wir für die Gesellschaft tätig sein. Und wenn es beim Fußball ist.

“Times of great idealism carry equal chances for greater corruptibility.”

„I refuse to abuse what is kind to the muse, but it’s there and it’s happening to me along the way.”

“The world is crazy, spinning out of control, got to get together, cause it’s taking a toll. It’s getting uglier every day.“

Die sozialen und auch die traditionellen Medien sind eine einzige Weltverzweiflungsmaschine, Windmühlen des Weltschmerzes, angetrieben von zwanghaftem Furor und pathologischer Hysterie. Uns geht es in dieser Welt vermutlich nicht besser, oder schlechter, als sonst auch, aber es wirkt so auf uns. Die vermeintlichen Informationen, die in Echtzeit auf uns hereinprasseln, werden verstärkt, meist negativ, sei es durch zustimmende Übertreibung oder herablassenden Überlegenheitsdünkel. Und so wird unsere Wahrnehmung immer hässlicher, solange wir uns nicht entkoppeln können. Unsere Lust an der Dekonstruktion von Details ist ein Fluch. Es fehlt der Blick aufs große Ganze. Und wir machen uns kaputt.

 

“Why does a missile look like a cock, why is the world so fucked up?“

Wir sind kaputt.

„Die Welt ist zu einer Krankheit geworden.“

Wir sind befallen.

Wir sind Ödipus. Egal wie kritisch wir uns mit den Ursachen der Pest auseinandersetzen, wie sehr wir dagegen sind und wie schön wir dies in einem einfachen Hauptsatz formuliert kriegen: Wir sind es selbst!“

Wir sind Patient Zero.

„Auf einen Totenacker hat sie ihr Weg geführt.“

Wir sind am Ende.

 

“Was liffe worth leaving?”



Ich habe diesen Text für das Arbeitsbuch “Mnemosyne” des Künstlers Michael Grossmann verfasst. Mehr zum Projekt “Mnemosyne” und zu anderen aktuellen Arbeiten gibt es auf seinem Blog “Saengers Phall – work in progress”.

Zitaturheber (in order of appearance):
Bad Religion, Thomas Pynchon, Karl Valentin, Nicolas Stemann, William Gaddis, Ingeborg Bachmann, Thomas Pynchon, Bad Religion, Heiner Müller, Julian Barnes, Elfriede Jelinek, Oskar Maria Graf, Thomas Pynchon, Karl Valentin, Fritz J. Raddatz, Karl Valentin, The Rutles, Jean-Luc Godard, Unbekannter Schweizer, Monty Python, Thomas Pynchon, Bad Religion, Redd Kross, Redd Kross, Ingeborg Bachmann, Nicolas Stemann, Elfriede Jelinek, James Joyce

Sonntags aus der Sommerpause: OPENart 2016

Die Sommerpause ist nicht nur in diversen europäischen Fußballligen vorbei, auch der Münchner Kunstbetrieb räkelt sich nicht mehr in der Sonne und läutet den Kunstherbst ein. Fast schon traditionell markiert das Wochenende der OPENart den Startschuss dafür. Freitagabend von 18-21 Uhr sind die Openings und dann haben die teilnehmenden Galerien und Institutionen Samstag und Sonntag von 11-18 Uhr geöffnet.

Meine OPENart begann schon am Mittwoch abends, da ein die Braun-Falco-Galerie zu einem Preview von “Felix Weinold – JUNGLE” (bis 30.10.) geladen hatte. Ich habe selber ein Werk von Felix Weinold daheim und hatte ihn auch im Januar zusammen mit dem Galeristen in seinem Atelier in Augsburg besucht. Seine aktuellen malerischen Arbeiten, die auf Pflanzen und Geflechten basieren, teilweise bis zur Abstraktion, fand ich ziemlich gut; jedoch nicht so gut, wie die aus der vorherigen Ausstellung in der Galerie, “Diebstahl verpflichtet II: Pure Beauty” im Jahre 2014, aus der ich eben das oben erwähnte Werk erworben hatte; dennoch ein lustiger Abend, an dem ich mich mit dem Künstler und Freundinnen von ihm verschwätzt habe und mich erst nach 22 Uhr auf den Heimweg machte.

Nachdem ich Freitag und Samstag wegen anderen Terminen verhindert war, machte ich mich also am vergangenen Sonntag bei wunderschönstem spätsommerlichem Wetter auf, um die OPENart zu erkunden.

Weil ich ja eh öfters mal dort bin, begann ich bei der Galerie Klüser, erst im Stammhaus in der Georgenstraße, dann in der Dependance in der Türkenstraße. Die Gruppenausstellung “just black and white” (bis 1.10.) erstreckt sich über beide Galerien und wurde eigentlich bereits im Juni eröffnet, ich war aber noch nicht drin gewesen. Der Titel sagt es, es geht nur um Werke in Schwarz und/oder Weiß. Bei der Betrachtung treten Form und Konzept mehr in den Vordergrund, da der Besucher nicht von Farben abgelenkt oder irritiert wird. Spannendes Konzept, welches aufgeht. Ich fand es auch cool, einfach zu raten, von welchem Künstler nun welches Werk sein mochte, bevor ich die Begleitmappe und Preisliste in die Hand nahm. Einiges habe ich doch erkannt. Am eindrücklichsten fand ich “Matt Black” von Anish Kapoor und “Nebukadnezar” von Gregor Hildebrandt.

Dann von der Türkenstraße kurz rechts in die Theresienstraße gebogen und spontan zu Knust x Kunz, wo der Frankfurter Künstler Naneci Yurdagül unter dem Titel “hier müsste wohl neuer Titel hin” (bis 15.10.) ausstellte. Er setzt sich mit dem Islam bzw. dem arabischen Kulturraum auseinander und ich fand einige seiner Werke durchaus interessant, v.a. die Serie leerer Rahmen mit Pins, die sich mit dem Leben des Propheten Mohammed befasste. Ich schaue sicher nochmal rein, ist ja um die Ecke.

Dann einfach zwei Häuser weiter in den Hof und zum nächsten planmäßigen Ziel in die Barbara Gross Galerie rein. Diese stellte gerade die Münchner Künstlerin Michaela Melían (bis 22.10.) aus, deren Soloaustellung “Electric Ladyland” im Kunstbau des Lenbachhauses ich unlängst auch besucht hatte. Die Künstlerin ist auch ausgebildete Musikerin und ihr gekonnter Einsatz aller möglicher künstlerischen Ausdrucksformer, von Zeichnung und Graphik, über Malerei und Skulptur, bis hin zu Musik und Video, ist interessant und hat auch die intellektuelle Tiefe, die ich persönlich mir von Kunst erhoffe. Diese Ausstellung in der Galerie erstreckt sich von den späten 80er Jahren bis hin zu aktuellen Arbeiten zu “Eletric Ladyland”, mit ihren utopischen Zeichnungen, die wie eine Hommage an Metropolis von Fritz Lang wirken. Auch die selbstentworfenen Briefmarkenbögen mit frühen Zeichnungen fand ich einfach witzig.

Hofeingang

Dann einmal links und wieder rechts weiter die Türkenstraße rauf, spontan durch den obigen kuriosen Hofeingang in der Architekturgalerie rein. Hier stellte Rainer Viertlböck seine Fotoarbeiten zum “Oktoberfest”  (bis 20.9.) aus. Auch sind ein paar Modelle von Achterbahnen aus dem Ingenierbüro Stengel zu sehen, die u.a. den Fünferlooping auf der Wiesn entworfen haben. Am meisten beeindruckt haben mich die Aufnahmen der leeren Zelte. Diese Symmetrie, diese Ruhe. Nichts, aber auch nichts, weist auf das Gewusel, Getümmel und Gelage hin, was dort vorherrscht.

Dann wieder ein planmäßiges Ziel angesteuert, die Galerie Thomas und Galerie Thomas Modern, die sich die großzügigen Räumlichkeiten teilen und wo zweitere eine Ausgründung ersterer ist, nicht unähnlich zu Klüser. Zuerst habe ich mir die “Peter Halley – SAW”(bis 5.11.) angeschaut, mir war das Oeuvre aber zu neon, also grell in den Farben. Nicht so mein Ding. Dann noch den einen Raum “Figur” (bis 15.10.) mit Werken der klassischen Moderne und des deutschen Expressionismus. Die eine Lithographie von Otto Dix war sogar halbwegs erschwinglich. Einen Dix für die Sammlung? Hmm.

Dann etwas am Altstadtring entlang, über die Ludwigstraße und den Odeonsplatz, wo gerade das Streetlife-Festival stattfand, in die Maximilianstraße rein. Dort war mein erster Stopp die  Galerie Fred Jahn, wo Friedrich G. Scheuer (bis 8.10.), ein in Oberbayern verwurzelter Künstler, ausgestellt wurde. Er arbeitet eher abstrakt mit einer reichen Farbpalette, wobei ich persönlich immer das Gefühl hatte, die Farbenvielflt stünden seiner Komposition und deren Formen im Weg. Macht sich bestimmt gut an der Wand, aber halt nicht an meiner.

les fleurs du mal

Dann ging es an den Blumen des Bösen vorbei hinab ins Maximiliansforum, wo derzeit eine Serie von Hommagen in vier Teilen an das richtungsweisende Environment “zeige deine Wunde” von Joseph Beuys stattfindet, das an dieser Stelle erstmals von den Galerie Schellmann-Klüser (Klüser? Genau, der Klüser von oben.) der Öffentlichkeit präsentiert und später vom Lenbachhaus angekauft wurde. Zur Zeit läuft “zeige deine Wunde 2016 / Teil 2 – Das Environment” (bis 25.9.), wo die Künstlerinnen Heidi Mühlschlegel mit “Freibad Brotland” und Gözde Ilkin mit “Stained Estate I-III” jeweils eine installative Arbeit in den gegenüberliegenden Räumen gestaltet haben. Ich glaube, von Heidi Mühlschlegel hat mir die degenerierte Bundesadlerskulpturcollage “Brotland” am besten gefallen. Und die Videoinstallation “Stained Estate I-III” von Gözde Ilkin über die Zerstörung urbaner Strukturen in Istanbul macht betroffen.

Auf der anderen Seite wieder aus der Unterführung wieder aufgetaucht, ging es auf der Maximilianstraße weiter auf das Maximilianeum zu, doch anstatt die Isar zu queren, bog ich links an der Ecke ins Kunstfoyer der Versicherungskammer Bayern (bis 11.9.), wo die Ausstellung “Werner Bischof – Standpunkt” gerade ihren letzten Tag hatte. Der ausgebildete Schweizer Kunstfotograf wurde u.a. für seine Bilder bekannt, in denen er das Nachkriegseuropa in den Jahren 1945-1951 dokumentierte, bevor er dann als Magnum-Fotograf in den Jahren bis zu seinem allzufrühen Tod im Jahre 1954 Asien und Nord- und Südamerika bereiste und dokumentierte. Die Bilder vom Nachkriegselend wirken in großen Teilen aktuell wie nie, und es scheint schier unfassbar, wie 70 Jahre danach die Nachfahren in diesen Ländern dieses verdrängt haben. Die Bilder von Geflüchteten in Camps und an Grenzen heute ähneln diesen so sehr. Dieses Bild vom Berliner Reichstag 1946 fand ich unglaublich stark in seiner Symbolik. Mein Lieblingsbild aber war “Iglesias, Sardinien, Italien, 1950”:

Iglesias, Sardinien, Italien, 1951

Danach flanierte ich wieder die Maximilianstraße in Richtung Stadtmitte und so langsam machte sich auch Hunger bemerkbar. Am Max-Joseph-Platz sinnierte ich kurz über zwei Kulturinstitutionen, die noch in der Sommerpause waren.

Zurück zum Magenknurren. Es war nämlich gut, dass der Lanne auf dem Streetlife am Stand der Biometzgerei Pichler direkt vor der Feldherrnhalle grillte, wo ich mir dann a Käskrainer in der Semmel gönnte.

So gestärkt machte ich mich dann wieder auf den Rückweg die Ludwigstraße rauf und bog spontan in die  Galerie Sabine Knust, wo eine Ausstellung über Fotografien aus dem Umfeld des “Black Mountain College” (bis 22.10.) lief, das u.a. durch die dortige Lehrtätigkeit von Josef Albers bekannt wurde, mehr dazu hier. Bevor ich mich umschauen konnte, begrüßte mich eine mir über einen Künstlerfreund bekannte Galeristin, die eben diesen Freund vertritt. Da sie eigentlich in Hauzenberg in Niederbayern tätig ist, war das eine nette Überraschung mit einem freundlichen Schwätzchen. Die hauptsächlich schwarz-weißen Fotos sind sehr unterschiedlich, je nach dem Künstler, aber manche, die sehr abstrakt waren, wirkten fast wie Graphik, fand ich spannend.

Dann ging es zum letzten geplant Stopp bei mir um die Ecke, der Walter Storms Galerie, was sich als ebenso spannend wie passend rausstellte. Dort wurden Cordy Ryman (bis 22.10.) und Rainer Leist mit seinem Fotoprojekt “Window” (bis 22.10.) ausgestellt. Cory Rymans Arbeiten, in denen er Holz, v.a. als Baumaterial verwendetes, bemalt, fand ich ganz in Ordnung, die Dreidimensionalität hatte schon was, aber hat mich jetzt auch nicht umgehauen. Rainer Leists “Window” hingegen hat mich auf den zweiten Blick extrem fasziniert. Seit März 1995 fotografiert er denselben Blick aus seinem Apartment in Manhattan mit derselben Kamera. Es ist sehr spannend zu sehen, wie das Wetter und das Licht Einfluß auf ein und dieselbe Szenerie nehmen (einfach mal die Bilder hier durchklicken). Was mich aber just an diesem Tag besonders berührte, war, dass unter den berühmten Gebäuden, die zu sehen waren, in der Ferne das World Trade Center deutlich zu sehen war. Und so dokumentierte diese Fotoserie zufällig eine einschneidende Veränderung in der Skyline, der amerikanischen Gesellschaft und Geschichte. Auf den Tag genau 15 Jahre danach stand ich vor diesem Werk. Ich glaube, ich gehe noch einmal rüber und schaue mir das nochmal so richtig in Ruhe an. Ich war ja nun schon fast vier Stunden unterwegs gewesen.

Und so kam fast rechtzeitig zum Anpfiff des Spiels vom FC Augsburg bei Werder Bremen heim und ruhte mich dann vor dem Fernseher aus. Und zu meiner Freude gewannen meine Augsburger auch noch mit 2:1.

Die Sommerpause ist wohl vorbei.