Im Bann des Kinos

Irgendwann, nachdem etwa zweieinhalb Stunden des Films vergangen waren, habe ich doch nachgegeben. Ich hatte den Drang schon etwas länger gespürt, ich habe dann das Unvermeidliche zugelassen und bin für zwei Minuten aus dem Kinosaal gehuscht, um einmal für kleine Kinobesucher auf die Toilette zu gehen. Ich hatte mich so lange wie möglich dagegen gesträubt, ich wollte nichts versäumen. Was ist das nur für ein Film, der mich so im Bann gehalten hat, dass ich trotz seiner über vierstündigen Länge keine Minute verpassen wollte?

Ich war also am Dreikönigstag im Monopol Kino zu München und habe mir den Film “Norte, Hangganan ng Kasaysayan (Norte, The End of History)” des philippinischen Regisseurs Lav Diaz angeschaut. Hauptsächlich bin ich hingegangen, da man hierzulande sehr selten philippinische Filme zu sehen bekommt und ich mich ja durchaus für das Herkunftsland meines Vaters und seiner Kultur interessiere. Eigentlich bekommt man philippinsche Filme fast nur auf dem Filmfest München oder anderen Filmfesten zu sehen, so konnte ich zum Beispiel “Thy Womb (Sinanpunan)” und “Shackled (Posas)” im Jahre 2013 auf dem Filmfest sehen. Nun hatte ich mich gemäß meiner üblichen Gepflogenheiten im Vorfeld so gut wie möglich von Kritiken ferngehalten und eigentlich nur diese begeisterten Zeilen von Wesley Morris auf Grantland gelesen, als er im Sommer 2014 vom Festival in Cannes berichtete. Aber da hatte ich schon längst entschieden, mir den Film auf jeden Fall anzuschauen.

Die Handlung des Films, die in der namensgebenden philippinischen Region Ilocos Norte spielt, basiert auf dem Roman “Schuld und Sühne” von Fjodor Dostojewski und greift auch genau diese Themen auf. Ein Doppelmord wird begangen und der Rest des Films setzt sich mit den Konsequenzen dieser Tat auseinander. Der eigentliche Täter kommt davon und ein Unschuldiger wird verurteilt und eingesperrt. Am Anfang des Films werden wir mit den Hauptfiguren vertraut gemacht, dem ehemaligen Jurastudenten Fabian (Sid Lucero) und seiner Wut auf die Welt und seinem Wunsch auf Revolution und Aufbegehren gegen die herrschenden Verhältnisse; und Eliza (Angeli Bayani) und ihren Mann Joaquin (Archie Alemania), die sich in ärmlichen Verhältnissen befinden und durchschlagen müssen, v.a. da sich Joaquin das Bein gebrochen hat und daher nur schwerlich arbeiten gehen kann. Alle drei stehen bei Miss Magda (Mae Paner) in der Schuld und als Fabian sie und ihre Tochter in einem für ihn Akt revolutionärer Konsequenz ersticht, beginnt der Reigen von Schuld und Sühne. Denn anstatt Fabian wird Joaquin verurteilt und eingesperrt, da er kurz vor der Tat Miss Magda bei einem Streit tätlich angegriffen hat und er bei dem Prozess auf Empfehlung seines Anwalts ein falsches Geständnis abgelegt hat. Der Film konzentriert sich nun auf Folgen dieser Ereignisse für die drei Hauptfiguren und begleitet diese dabei über einen Zeitraum von mehreren, ich meine vier, Jahren. Wir sehen Fabian, der zwar vom Gesetz ungestraft davongekommen ist, schwer an seiner Last, ein Mörder zu sein, zu tragen und nach und nach aufgrund der Schuld, die er auf sich geladen hat, zu verrohen. Währenddessen versucht Joaquin trotz seiner lebenslänglichen Gefängnisstrafe in den rohen Verhältnissen des philippinischen Strafvollzugs und guter Mensch zu bleiben. Und Eliza begleiten wir dabei, wie sie versucht, sich, ihre Kinder und ihre jüngere Schwester durchzubringen und zu ernähren.

Die wahre Wucht der Handlung und des Themas entwickelt sich aber aus der Kunst, mit der diese erzählt werden. Und hier erhebt Regisseur Lav Diaz den Film für mich zu einem Meisterwerk. Er lässt die Bilder wirken, indem er lange auf einer Kameraeinstellung verharrt und die Szene wirken kässt. Es sind klare, gestochen scharfe Bilder, die uns nichts vorgaukeln zu wollen scheinen. Aber nicht nur das, er erzählt die Handlung mit den Details, die in solchen Bildern stecken und gibt dem Zuschauer die nötige Zeit und den nötigen Raum, die Augen über die Szene wandern zu lassen, diese vollständig zu erfassen und die für den Film notwendigen Informationen für sich selber zu entdecken. Dabei kam es bei mir am Ende sogar soweit, dass ich in einer Szene fast gegen Schluss des Films im Kino die Hände über dem Kopf zusammenschlug, als ich bei einem langsamen Schwenk über die Szene das entdeckte, was mit der vorhergehenden Szene und diesem Schwenk über mehrere Minuten aufgebaut wurde und mich dann spontan entsetzte. Da sieht man einmal, wie intensiv Kino wirken kann, wenn man es nicht mit schnellen Schnitten zerhäckselt und mit bombastischem Sound zudröhnt. Eine selber gewonnene Erkenntnis ist mannigfach wertvoller als eine vorgekaute und plakativ vorgetragene Erklärung. Das hält Diaz in einem erfrischenden Kontrast zur geschwätzigen Mainstreamware nämlich auch nicht für nötig und vertraut auf die Auffassungsgabe des Publikums. Die wenigen Dialoge, gerade in den Szenen mit Eliza und Joaquin, gewinnen so an Signifikanz, während Fabians revolutionäre Fantasien auf diese Weise als leeres Geschwätz entlarvt werden. Dafür sind kleine Gesten und Blicke umso wichtiger, sie sind ein Fenster in die Seele der Figuren. Und diese erfüllen nicht nur die Hauptdarseller, aber vor allem diesen und da besonders Angeli Bayani und Sid Lucero, wirklich mit Leben. Verstärkt wird dieser Effekt des aus dem Leben-Gegriffen-Seins auch noch dadurch, dass trotz seiner imposanten Länge der Film immer noch so wirkt, als habe er mitten in der zu erzählenden Geschichte angefangen und auch wieder inmitten dieser aufgehört.

Ich habe mir überlegt, ob ich noch einige für mich persönlich besonders denkwürdige Szenen und Bilder hervorhebe, aber ich enthalte mich dem jetzt einmal, einerseits da der Film für mich wie aus einem Guß erscheint, andererseits da ich hoffe, dass der ein oder andere den Film für sich selber entdecken möchte. Ich kann es nur wärmstens empfehlen.

Ich hätte nicht gedacht, dass mich das Kino jemals noch einmal so in seinen Bann schlagen könnte.

Vielen Dank dafür, Lav Diaz!

“Norte, Hangganan ng Kasaysayan (Norte, The End of History)” (Philippinen 2013, Laufzeit: 250 Minuten, Regie: Lav Diaz, Darsteller: Angeli Bayani, Sid Lucero, Archie Alemania, Angelina Kanapi, Soliman Cruz, Mae Paner, Hazel Orencio u.v.a.). Weitere Informationen zum Film gibt es auf der Website des deutschen Verleihs Grandfilm.

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