Danke, Mama! – 30 Jahre Stadion

Meiner eigenen händisch geführten Datenbank nach habe ich bis heute 281 Fußballspiele in 13 verschiedenen Ländern besucht. Wenn ich jetzt so darüber nachdenke, ist das gar nicht mal so wenig und es werden wohl noch einige Spiele und Länder hinzukommen. Das hätte ich mir sicherlich nicht erträumt, als ich zum ersten Mal ein Fußballspiel im Stadion besucht habe, und zwar heute vor 30 Jahren.

Irgendwo fängt jede Geschichte an, und die Geschichte von meinen Stadionbesuchen beginnt am 20. September 1986. An diesem Tag war ich zum ersten Mal im Stadion bei einem Fußballspiel. Es war die Partie des 7. Spieltags der Saison 1986/87 und es standen sich mein Herzensverein FC Bayern München und Borussia Mönchengladbach im Münchner Olympiastadion gegenüber. Der FC Bayern war Tabellenführer und es galt, den Platz an der Sonne zu verteidigen.

An dieser Stelle muss ich gestehen, dass ich jetzt nicht behaupten kann, ich wüsste alles noch so, als sei es gestern gewesen. Ich erinnere mich durchaus an den Tag, aber ich glaube eher so an das Gefühl, als an jedes einzelne Detail. Und einiges habe ich mir auch unter Zuhilfenahme der Fotos aus dem dankbarerweise gut bestückten und organisierten Familienalbum zusammengereimt oder wieder zurückgeholt.

Ausführlich Details zum Spiel gibt es im Archiv des Kicker und bei Fussballdaten.de.

Aber zurück zur meiner Geschichte. Also, nachdem ich am Vormittag noch selbst ein E-Jugendspiel für den Kissinger SC absolviert hatte, fuhren wir mit der Familienkutsche nach München, holten meinen 2 1/2 Jahre älteren Cousin ab und fuhren zum Olympiapark München. Das Auto hatten wir dort auf einem der Parkplätze abgestellt.

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Das Zeltdach über dem Olympiapark und den Olympiaturm hatte ich noch jedes Mal bewundert, wenn auf dem Mittleren Ring daran vorbeigefahren waren, jedoch war es ein tolles Gefühl, nun mit dem Wissen daraufzuzugehen, dieses Mal das Herzstück des Ensembles betreten zu dürfen, das Olympiastadion. Meine Mutter hatte Karten für die Haupttribüne besorgt, die auch damals schon nicht billig waren, aber wenn wir schon einmal da waren, dann gönnten wir uns das natürlich auch. Und dann waren wir drin.

Man kann sehr gut erkennen, dass ich den Anpfiff mit einer Mischung aus Anspannung und Vorfreude erwartete. Trikot hatte ich noch keins, denn diese waren damals einerseits gar nicht so leicht aufzutreiben, soweit ich weiß, eigentlich nur an den mobilen Verkaufsständen um das Stadion herum, und andererseits auch nicht billig, glaube ich. Aber im darauffolgenden Jahre 1987 feierten wir meinen Geburtstag im Olympiapark und da bekam ich dann auch mein erstes Bayerntrikot geschenkt.

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Aber vor dem Spiel mussten sich die Spieler natürlich erst einmal aufwärmen. Ich habe, ehrlich gesagt, keine Ahnung mehr, warum dieser Corso von BMWs auf der Tartanbahn kreiste, aber das war ja irgendwie auch egal. Von unseren Plätzen konnte man sehr gut auf die Südkurve sehen, wo sich seit jeher die treuesten und lautstärksten Fans des FC Bayern versammelten und ihre Mannschaft unterstützten. Es sollte aber noch einmal fast 5 Jahre dauern, bis ich dort einmal wiederfinden würde.

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Beim Einlauf der Mannschaften wurde die Fahnen kräftig geschwenkt und die innere Anspannung stieg enorm. Kapitän Klaus Augenthaler führte die Mannschaft aufs Feld, unter anderem mit meinem damaligen Lieblingsspieler und Helden Lothar Matthäus in der Startelf. Soweit ich mich erinnern kann, gab es damals unter uns fußballbegeisterten Jungs zwei Schulen, was zentrale Mittelfeldspieler. Entweder man vergötterte das Genie des Diego Armando Maradona oder die Dynamik und Wucht des Lothar Matthäus. Bei mir war es letzterer und das ging soweit, dass ich auch so einen Vokuhila haben wollte wie er, und dass mir meine Mutter mal aus einem weißen Adidas T-Shirt mithilfe eines aufgebügelten DFB-Wappens und einer selbst aus Filz ausgeschnittenen Rückennummer 8 mein eigenes Lothar-Matthäus-Trikot gebastelt hatte.

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Die gesamte Aufstellung kann mal auf der Anzeigetafel im Foto unten sehen, aber der Einfachheit halber hier noch einmal ausgeschrieben:

1 Pfaff, 2 Nachtweih, 3 Pflügler, 4 Eder, 5 Augenthaler, 6 Brehme, 7 Wohlfahrt, 8 Matthäus, 9 (Dieter) Hoeneß, 10 (Michael) Rummenigge, 11 Mathy

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Zwei Spielszenen aus der ersten Halbzeit, als die Bayern auf das Tor auf unserer Seite spielten. Wir saßen direkt auf der Verlängerung der Torauslinie. Michael, der “andere” Rummenigge, tritt den Eckstoß rein. Im anderen Foto schlägt Andreas Brehme eine Flanke in den Strafraum. Man sieht, dass das Olympiastadion sehr gut gefüllt war, was damals beileibe keine Selbstverständlichkeit war. Ich war von der Kulisse angemessen beeindruckt.

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An was ich mich noch erinnern kann, war, dass Mittelstürmer Dieter Hoeneß nach einem Kopfballduell im Mittelfeld liegen blieb und behandelt werden musste. Nach einigen sorgenvollen Minuten wurde er gegen Hansi Dorfner ausgewechselt. Aus der Zeitung später erfuhren wir die Diagnose Jochbeinbruch.

Das Spiel ging natürlich weiter. Und dann war der FC Bayern doch noch gegen Ende der ersten Halbzeit durch ein Kopfballtor von Abwehrspieler Hansi Pflügler (45.) nach einer Ecke von Norbert Nachtweih mit 1:0 in Führung gegangen und so ging es einigermaßen guter Dinge in die Halbzeitpause.

Der FC Bayern blieb nach der Pause am Drücker und erhöhte durch einen Doppelschlag von Lothar Matthäus nach einem dynamischen Solo (55.) und Roland Wohlfarth per Kopf nach einer Ecke (58.) auf 3:0. Im Prinzip war das Spiel damit gelaufen, auch wenn Uwe Rahn (68.) noch einmal verkürzte, nachdem er mutterseelen allein auf das Bayerntor zugelaufen war. Kurioserweise erinnere ich mich sehr gut an Uwe Rahn damals, sein weißblondes Haar war kaum zu übersehen, ebenso wie seine Dynamik auf dem Platz. Ich konnte allerdings nicht ahnen, dass er am Ende der Saison Torschützenkönig und Deutschlands Fußballer des Jahres werden würde.

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Bei diesem Foto aus der zweiten Halbzeit weiß ich noch ganz genau, dass ich meine Mutter darum gebeten hatte, ein Foto von Bayerntowwart Jean-Marie Pfaff in Aktion zu machen, den fand ich nämlich total super. Und auch in dieser Szene hält er seinen Kasten sauber.

Und weil das Internet ja manchmal doch ganz nützlich ist, hier ist der Spielbericht aus der Sportschau, den jemand freundlicherweise auf YouTube gestellt hat, auch wenn er sich bei der Betitelung im Endergebnis geirrt hat.

Ich war natürlich überglücklich, ein torreiches Spiel und einen Bayernsieg gesehen zu haben. Das Wetter war fantastisch, das Stadion proppenvoll und die Stimmung wunderbar.

An diesem Tag hatte ich mich nun also noch mehr in den Fußball verliebt, in das Stadionerlebnis. Eine Liebe, die seit nunmehr 30 Jahren besteht und immer weitergeht; sollte nichts dazwischen kommen, gehe ich heute abend zum Heimspiel der Bayern München Amateure gegen die SpVgg Unterhaching in der Hermann-Gerland Kampfbahn.

Vor allem aber hatte ich mich an diesem in das Olympiastadion verliebt. Nicht nur in das ikonische Zeltdach, sondern auch weil es auf ewig der Ort meines ersten Stadionerlebnisses sein wird. Und auch wenn die Arena in Fröttmaning auf vielerlei Weise ein reineres Fußballstadion und in der Logistik durchdachter und praktischer ist, so kann es mir niemals diese Emotionen und Erinnerungen geben, die mir das Olympiastadion gibt. Diese kommen immer hoch, wenn ich dort bin. Heutzutage ist man das ja leider nur zu Konzerte oder solchen Veranstaltungen. Aber dann spüre ich es in meinem Herzen. “Da sind wir damals gegen Gladbach gesesssen, oder hier gegen Uerdingen 1989, oder die Meisterfeier 1987 mit dem dem Abschied von Udo Lattek.”

Und dafür muss ich mich vor allem einem Menschen bedanken: meiner Mama. Sie hat es damals auf sich genommen, uns dorthin zu bringen und sie hat auch mit ihrer Nikon-Spiegelreflex diese tollen Bilder geschossen, so dass ich hier heute in den Erinnerungen schwelgen kann. Und dafür ganz einfach nur:

Danke, Mama!

Epilog: Das nächste Mal, dass ich mit meiner Mama ein Fußballspiel im Stadion besuchen sollte, war passenderweise fast genau auf den Tag 23 Jahre später am 19. September 2009 beim 2:1 Sieg des FC Bayern München gegen den 1. FC Nürnberg, als ich sie in die Allianz Arena mitnahm.

 

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