Thank you, Fay!

Das erste Mal, dass ich des Holocaustgedenktags richtig gewahr wurde, war wohl im Jahre 1999 und ich war ein Freshman im College an der University of Pennsylvania. Ich war auf dem Campus unterwegs, vermutlich zwischen Vorlesungen, ich weiß das nicht mehr so genau, als ich hörte, wie Namen von Menschen vorgelesen wurden. Es war eine kleine Bühne und an seiner Yarmulke als jüdisch zu erkennender Student vor einer Gruppe von anderen jüdischen Studenten an einem Mikrofon und las von einer Liste vor. Es dauerte ein bisschen bis ich es begriff, daß es sich um die Namen von Opfern des Holocausts handelte und mir wurde flau und mulmig im Magen. Schließlich war ich doch Deutscher, das war unsere Schuld, so hatte ich das gelernt und verinnerlicht, vor allem durch den Geschichtsunterricht und den damit verbundenen Besuch der KZ-Gedenkstätte Dachau. Der innerliche Antrieb des “Nie wieder!” kam für mich aus dem Gefühl der Verantwortung, die aus der historischen Schuld erwuchs. Das hatte ich jetzt verstanden. Die Veranstaltung auf dem Campus ging den ganzen Tag, die Studenten wechselten sich am Mikrofon ab, bis sie alle Namen der Opfer vorgelesen hatten.

Mich beschäftigte aber das komische Gefühl, daß ich im Magen hatte. Wie sollte ich damit umgehen? Schließlich hatte jetzt erst, im Alter von 20 Jahren, zum ersten Mal in meinem Leben, wirklichen regelmäßigen Umgang mit Juden und der jüdischen Kultur. Ich hatte zwar im Rahmen des evangelischen Religionsunterrichts an meiner Schule einmal die Synagoge in Augsburg besucht, aber das war es auch schon bis dahin. Dankenswerterweise hatte ich dafür damals eine Ansprechpartnerin, die mitterweile leider verstorbene Prof. Fay Ajzenberg-Selove, die unsere Einführungsvorlesung in Mechanik im Fall Semester gehalten hatte. In Ermangelung eigener Kinder waren wir Physikstudenten in dem kleinen Kurs so ein bisschen wie Enkelkinder für sie, wir durften sie einfach mit “Fay” ansprechen, und ich ging gerne zu ihr in die Sprechstunde und die Gespräche wanderten auch gerne einmal über die Physik hinaus. Sie hatte mir im dem Rahmen auch auch eine Kopie ihrer Autobiographie “A Matter of Choices” mit einer persönlichen Widmung geschenkt, und ich war mir durch die Lektüre bewußt, daß sie als Jugendliche in Frankreich mit ihrer Familie, die Juden russischen Ursprungs waren, vor den Nazis geflohen war. Also beschloß ich, sie in ihrem Büro aufzusuchen und zu sehen, ob sie Zeit für ein kleines Gespräch hatte. Ich weiß nicht mehr genau, ob das jetzt am selben Tag war, oder später, aber auf jeden Fall berichtete ich ihr wie ich von dem Holocaustgedenktag betroffen war und das mich das schlechte Gefühl im Magen umtrieb. Und dann sah sie mich etwas erstaunt an und sagte (meinem nachlassenden Gedächtnis geschuldet, wohl paraphrasiert) mit Nachdruck:

“But it is not your fault. You are different generation. It is great that you are aware of it and feel somewhat responsible, but you should not feel bad.”

Diesen Satz von dem Menschen, den ich wirklich als ersten Holocaustbetroffenen persönlich besser kennengelernt hatte, zu hören, hat mir damals ungemein geholfen, meine eigene Sichtweise auf den Holocaust und dessen Schrecken vom Reflex wegzuentwickeln, den ich vorher in mir trug. In den darauffolgenden Monaten und Jahren folgten noch viele weitere Gespräche mit jüdischen Mitstudenten, Bekannten und Freunden über diese und ähnliche Themen und ich bin froh, dass mir mein Entschluß, in den USA zu studieren, eben auch dies ermöglicht hat. Aber begonnen hat diese persönliche Weiterentwicklung damals mit der wunderbaren Fay, daher einfach:

Thank you, Fay!

Fay98

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