It might get loud – “Faust” am Residenztheater

Schon die Warnschilder im Foyer weisen darauf hin, dass der aktuelle “Faust” am Residenztheater München nichts für schwache Herzen ist. Das ist natürlich übertrieben, aber er spart nicht mit Knalleffekten und lässt auch nicht den Einsatz der Stroboskopbeleuchtung aus. Gestern habe ich das Stück unter der Regie von Intendant Martin Kušej bereits zum zweiten Mal gesehen, nachdem ich letzten Juni der Zweitaufführung beigewohnt habe.

Und ich kann sagen, dass ich ihn wirklich gut und zeitgemäß finde. Mir gefällt die Graphic-Novel-Ästhetik der Inszenierung – abermals ein tolles Bühnenbild von Aleksandar Denić – mit ihren starken Schwarz-Weiß-Kontrasten, die durch den sturen Rhythmus (oder “Beat”) noch verstärkt wird. Es ist zuweilen, als ob man umblättert und dann in der nächsten Szene die nächsten gezeichneten Panels betrachten kann. Und mit der Länge von ca. drei Stunden ist es sicherlich eine der strafferen Faust-Inszenierung, was dem Stoff auch zugute kommt.

In ihrer Bearbeitung verlassen sich Martin Kušej und seine Dramaturgen Angela Obst und Albert Ostermaier darauf, dass das Publikum den Faust als deutschen Kanon bereits kennt und kürzen ihn auf teilweise auf die relevanten Bestandteile vieler Szenen und befreien ihn vom Schwulst. Auch verschieben sie einige Episoden der Walpurgisnacht und auch Faust II an den Anfang des Stücks, was dabei hilft den Rhythmus zu etablieren und dann auch in der zweiten Hälfte so aufrecht zu erhalten.

In dieser Fassung ist Faust kein edel leidender Sinnsucher, der von Mephisto verführt die Welt in Grund und Asche legt, sondern ein gieriger, hungriger Mensch, der die Zerstörung, die er anrichtet, mindestens billigend in Kauf nimmt. Teilweise scheint er zwar Reue zu zeigen, aber schlußendlich ist diese auch falsch und hohl, er rettet nichts, weder Philemon und Baucis noch Gretchen, auch wenn er dazu Absicht zu beteuern scheint. Es ist ein Faust für unsere Zeit, entrümpelt von Erdgeistern und von Gott, der enthüllt, wie leer doch die Gier ist, mit der sich Faust durch die Weltgeschichte ätzt. Dabei kommt auch heraus, dass Faust und Mephisto zwei Seiten ein- und derselben Medaille sind, was sicherlich auch an dem tollen Duo von Bibiana Beglau als Mephisto und Werner Wölbern als Faust liegt. Da stimmt einfach die Chemie im Spiel und auch der Kniff, den Mephisto mit Bibiana Beglau weiblich zu besetzen hilft dabei, das Wechselspiel der gegenseitigen Triebe und Antriebe zu etablieren.

Was hier für mich persönlich aber auch deutlich wird, ist wie die Gretchenträgodie, dieses religiös-bürgerliche Trauerspiel, aus dem Goetheschen Textrahmen fällt. Im Vergleich zu den anderen Versuchen Mephistos, Fausts Gier zu stillen und seine Wette zu gewinnen, wirkt diese Episode eigentlich erbärmlich bieder und zumindest brandete in mir persönlich die Frage auf, warum diese eigentlich so eine herausragenden Stellung im Text hat. Gut, es is wohl auch einfach so, dass die inhärente Religiösität der Episode in unserer jetzigen Gesellschaft auch keine große Resonanz oder Relevanz hat. Die berühmte Gretchenfrage ist auch hier nur ein Comicpanel unter vielen. So halten wir es heute halt mit der Religion. Darüber kann leider Andrea Wenzls tolles Spiel als ein durchaus selbstbewusstes Gretchen, was bei der Besetzung zu erwarten war, wenn man sie als Katharina in “Der Widerspenstigen Zähmung” gesehen hat, auch nicht hinwegtäuschen. Sie braucht keinen Herrgott, der sie rettet, sie rettet sich auf ihre Art selber, indem sie ihr Ende selbst bestimmt. Schön ist, dass Kušej sich hier nicht beirren lässt und den Rhythmus seiner Inszenierung gnadenlos beibehält. An dieser Stelle seien aus dem Rest des guten Ensembles noch Hanna Scheibe als Frau Marthe Schwerdtlein und Silja Bächli als Hexe hervorgehoben.

Ich kann ihn empfehlen, diesen “Faust” von Kušej, man sollte halt seine Vorurteile an der Garderobe abgeben und ihn mit einem offenen Geist und wachen Sinnen betrachten. Dann muss man auch nicht unendlich streben. Klassiker sind schließlich deswegen Klassiker, weil sie immer wieder neuen Betrachtungsweisen und Bearbeitungen standhalten und in den verschiedensten gesellschaftlichen Epochen neue Erkenntnisse liefern.

But be warned: it might get loud.

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