Apocalypse Baal – Extended Cut

Er macht halt ein anderes Theater. Ein Theater, das laut ist, und deklamierend; es nervt mit Absicht, es driftet in den Slapstick ab, es ermüdet und zermürbt das Publikum. Aber dabei ist es auch intensiv und sprüht vor Ideen und Spiellust.

Am Donnerstag letzter Woche hatte nun die neueste Inszenierung von Frank Castorf Premiere am Münchner Residenztheater, und dieses Mal hatte er sich den “Baal” von Bertolt Brecht vorgeknüpft, jenes frühe Stück des Dichters über der selbstzerstörerischen Dichter, der sich durch eine Stadt des Deutschlands nach dem ersten Weltkrieg hurt und säuft und dabei scheinbar alles verschlingen und zerstören möchte, was ihm im Wege steht. Und so marodiert an diesem Theaterabend Aurel Manthei als Baal durch das Bühnenbild von Aleksandar Denić, der abermals eine verschachtelte, fast in sich geschlossene Welt erschaffen hat, in der das Spiel oft auch nur per Livevideo auf den Leinwänden, die über dieser schweben, erschlossen werden kann. Wenn diese nicht ausreicht, nutzt Castorf einen Greenscreen hinter der Bühne, um mit weiteren Livevideos auszuschweifen. Durch diese Bühnenwelt wird Baal die meiste Zeit begleitet von seinem Gefährten Ekart (Franz Pätzold) und seiner Geliebten Sophie (Castorf-Neuling Andrea Wenzl), stellvertretend für alle Frauen, die Baal im Brechtschen Original liebt. Dazu kommt Bibiana Beglau, die in keiner Münchner Castorf-Inszenierung fehlen darf, als die Höllengemahlin Isabelle, ebenso wie Katharina Pichler, Jürgen Stössinger und Götz Argus, die in diversen Nebenrollen sehr kompetent unterstützen. Dazu kommt Opernsängerin Hong Mei, die während des Stücks immer wieder Arien aus Puccinis “Madama Butterfly” zu Besten gibt. Dabei bedient sich Castorf, wie immer, nicht nur des Textes des Originals, sondern zersetzt diesen und setzt ihn mit Material aus anderen Quellen wieder zusammen. Hier ist es hauptsächlich Francis Ford Coppolas “Apocalypse Now” und dessen düstere Version des Vietnamskriegs. Dabei dürfen ein Hubschrauber auf der Bühne und das Zitat vom Geruchs des Napalms am Morgen natürlich nicht fehlen.

Von Castorf kenne ich nur die drei Inszenierungen, die er seit Beginn der Intendanz von Marint Kušej ans Residenztheater gebracht hat, also “Kasimir und Karoline” von Ödön von Horvrath, “Reise ans Ende der Nacht” nach dem Roman von Louis-Ferdinand Céline und eben jetzt den “Baal” von Bertolt Brecht. Was diesen allen gemein ist, ist die Länge von über jeweils über vier Stunden. Denn Castorf lässt den Ideen, die er auf die Bühne bringt, wenn nicht notwendigerweise den physischen Raum, aber die Zeit, sich auf der Bühne zu entwickeln. Das führt dazu, dass diese Stücke dann ihre Längen haben bzw. keinen Rhythmus oder präzises Timing entwickeln, wie ich das oft in anderen Stücken erlebe. Aber man sollte sich weder vom lauten Spiel noch von möglicherweise zu langen Szenen ablenken lassen. Castorf will zwar nerven, aber nicht mehr wirklich erschrecken. Nur die konservativsten und rückwärtsgewandtesten der Theaterbesucher werden sich bei Castorf noch erschrecken und es sind meiner subjektiven Wahrnehmung nach deutlich weniger Leute zur Pause gegangen als noch bei der Premiere von “Reise ans Ende der Nacht”.

Und Castorf hat durchaus etwas zu sagen, trotzdem er seine Assoziationen scheinbar beliebig durcheinanderwürfelt und einfach direkt und unverblümt deklamieren lässt. In meinen Augen hat er nämlich durchaus eine gesellschaftliche und politische Aussage in dieser Inszenierung versteckt, aber bevor ich dazu weiter ausschweife, möchte ich noch ein paar Momente erwähnen, die für mich persönlich in der Inszenierung stark waren. Interessanterweise blieben mir da genau die Stellen vor und nach der Pause so wie am Ende des Stückes im Gedächtnis hängen. Vor der Pause ergibt sich eine längere Sequenz, die mit einer Szene vor dem Greenscreen beginnt, in der das gesamte Ensemble die im Hintergrund projizierte Szene mal synchron, mal zeitversetzt nach- bzw. vorspricht. Die Szene ist aus “Apocalypse Now Redux” und zeigt den Empfang von Captain Willard und der Besatzung seines Bootes auf der Plantage französischer Kolonialisten in Vietnam und das anschließende Bankett im Haus. Auf ersten Blick schien sich diese Szene viel zu lang hinzuziehen, aber als diese dann auf der Bühne in einem Bankett mündet, das in einer von Opiumrauch geschwängerten Atmosphäre stattfindet und ganz ruhig die Eröffnungsszene des Baal, die auf einer Party von Baals Gönner spielt, nachspricht und deren Text bereits am Anfang der Inszenierung von Manthei, Pätzold und Wenzl von der Bühne gefeuert wurde. Diese doppelte Dopplung war ein grenzgenialer Kniff und hat mich etwas verdutzt, aber nachdenklich in die Pause entlassen. Aus dieser kam das Stück sehr sanft zurück, als minutenlang nur ein wabernde, leicht bedrohliche musikalische Untermalung den vom Band kommenden, fast faustischen Satz “Es wohnen zwei Seelen in deiner Brust. Eine, die liebt und eine die tötet.”, der dem Ende der Bankettszene des Films entnommen war, wiederholte. Gegen Ende des Stückes stellte sich mir als Zuschauer nun die Frage, wie Castorf denn aus seinem Labyrinth von Ideen und Assoziation herausfinden würde, was er mit “gar nicht” beantwortete. Beziehungsweise, er entlarvte die Illusion seinen Bühnenbildes, in dem er das nicht gerade schmeichelnde normale Bühnenlicht anmachte und sein starkes Ensemble auf und um den Hubschrauber herum den restlichen Text im Stile einer Laientruppe in einem Brechtschen Lehrstück herunterspielen ließ, was für mich den Abgang gewollt stümperhaft und damit irgendwie liebenswürdig machte. Ein genialer Schachzug.

Es sei noch kurz der einzige Wermutstropfen erwähnt, denn das Sounddesign war wohl nicht gewollt so unterdurchschnittlich, wie es rübergekommen ist. Es gab einfach zu viele Momente, wo es nicht gut abgestimmt war. Das Boom-Mikrofon war nicht immer rechtzeitig bei dem/der Schauspielerin, der/die gerade zum Sprechen anhob, ebenso wie leider recht oft das Timing, die Lautstärke der eingespielten Musik wieder für den auf der Bühnen gesprochenen Text herunter zu regeln, einfach nicht stimmte. Was leider manchmal den Fluss Stückes wirklich unnötig und auf eine ärgerliche Weise ins Stocken brachte. Ich hoffe, es war vielleicht nur dem Premierenabend geschuldet und das Problem ist bei zukünftigen Vorstellungen behoben.

Abschließend will ich noch ein bisschen auf das eingehen, was ich die als die gesellschaftliche bzw. politische Aussage empfunden habe, die Castorf in der Inszenierung nicht notwendigerweise verborgen hat, diese aber auch nicht in der Vordergrund gestellt hat. Dass er sich nämlich ausgerechnet auf die Szene in “Apocalypse Now Redux” draufgesetzt hat, die sich mit dem französischen Kolonialismus ist auseinandersetzt und, nebenbei, auch gar nicht in der Originalversion des Films vorkommt, war für mich ein Verknüpfungspunkt zu seiner vorangegangenen Münchner Inszenierung “Reise ans Ende der Nacht”, in deren Romanvorlage die Hauptfigur Ferdinand Bardamu in die französischen Kolonien in Afrika geht, nachdem er den ersten Weltkrieg überlebt hat. Offensichtlich treiben Castorf der französische Kolonialismus, der von allem europäischen Kolonialismus am spätesten endete, und seine Folgen um. Schließlich wäre es ja gerade bei dem Themenkomplex des Vietnamkriegs ein leichtes gewesen, die Verfehlungen der Amerikaner zu thematisieren. Auch im Programmheft und im Stück bezieht sich Castorf explizit auf Jean-Paul Sartre, der sich im Vorwort zu Frantz Fanons “Die Verdammten dieser Erde” mit dem Kolonialismus auseinandersetzt:

“In den Kolonien zeigte sich die Wahrheit nackt: In der eine Kolonie hat sich das Mutterland damit begnügt, einige Feudalherren zu bezahlen, in der anderen Kolonie hat es nach dem Prinzip ‘Divide et impera’, einen Kolonisiertenbourgeoisie aus dem Boden gestampft. Wieder woanders wurde ein hat es ein doppeltes Spiel gespielt: Die Kolonie ist gleichzeitig Ausbeutungs- und Ansiedlungskolonie. So hat Europa die Spaltungen und Gegensätze vermehrt, künstlich Klassen und manchmal auch Rassismen geschaffen und mit allen Mitteln versucht, eine Aufspaltung der kolonialisierten Gesellschaften in verschiedenen Schichten hervorzurufen und zu vertiefen.”

Auch dessen Spätfolgen, diese soziale Spaltung und der praktizierte und institutionalisierte Rassismus habe ich immer wieder in der Inszenierung durchklingen hören. Und die Bezugnahme auf Paris als Zentrum und Symbol Frankreichs wurde sogar durch die Aktualität der Ereignisse von Anfang Januar stärker und wirkungsvoller als Castorf vorausahnen Konnte. Aber die Szene, in der die Darsteller über Paris schweben und dann die Kamera noch einmal über diese Bilder der Stadt ohne die Darsteller abfährt, wirkte auf mich wirklich unheimlich. Es sei auch noch der interessante Artikel von Matthias Heine in der WELT erwähnt, wo er gar die Figur des Baal und damit auch den jungen Brecht in der französischen Tradition des Poéte maudit wähnt und damit Castorfs Faszination mit Frankreich in allem Schlechten wie Guten noch stärker macht, als ich sie empfunden habe.

Nicht nur deswegen verspüre ich die große Lust, mir sowohl “Baal” als auch “Reise ans Ende der Nacht” jeweils noch einmal im Residenztheater zu Gemüte zu führen, um zu sehen, ob diese Wahrnehmungen meinerseits sich bestätigen oder gar vertiefen zu lassen. Aber auch, weil zumindest mir Theaterabende mit Castorf Spaß machen. Und der sollte nie zu kurz kommen.

Die Reise geht auch nach der Apokalypse weiter …

Nachtrag vom 24.2.2015:

Die Reise geht wohl weiter, aber die Apokalypse wurde erst einmal aufgehalten. Ich werde nicht die Chance haben, mir “Baal” in dieser Form noch ein zweites Mal anzuschauen, da ein gerichtlicher Vergleich zwischen dem Suhrkamp Verlag als Rechteinhaber und Vertreter der Erben Brechts und dem Residenztheater vorsieht, dass diese nur noch einmal in München, und zwar schon diese Woche am 28.2.2015, und dann noch einmal auf dem Theatertreffen 2015 in Berlin aufgeführt werden darf. Es kam zu diesem Vergleich, da der Suhrkamp Verlag wohl zurecht auf Unterlassung der Aufführung dieser Inszenierung geklagt hatte, weil die Aufführungsrechte für den “Baal”-Text nicht eingeräumt wurden (hier eine ausführliche Analyse von Prof. Dr. Rupprecht Podszun für nachtkritik.de). Dennoch bleibt es zu hoffen, dass diese Inszenierung, die ja doch auch zu nicht unbeträchtlichem Teil aus Fremdtexten besteht – auch ein zentraler Aspekt der Klage, in einer anderen Form ohne den Text Brechts in einer Art Director’s Cut oder “Baal Redux” weiterleben kann. Denn die Gedanken zu Gier und Kolonialismus, die sich Castorf in der Inszenierung gemacht hat, bleiben auch ohne Brechts “Baal” als Aufhänger interessant und relevant. The show must go on!

Nachtrag vom 20.4.2015:

Jetzt ist es leider traurige Gewissheit. Die “Baal”-Inszenierung wird leider auch nicht in einer abgeänderten Form weiterleben, wie der Intendant des Residenztheaters, Martin Kušej, in dieser deutlichen Mitteilung vom 17.4.2015 bestätigte. Es ist ein Verlust für die künstlerische Auseinandersetzung und auch ein Armutszeugnis für die Verwalter des Brechtschen Erbes. Nach einer allerletzten Aufführung am 17.5.2015 auf dem Theatertreffen in Berlin fällt der Vorhang für Frank Castorfs “Baal”. Schade.

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