Thank you, Fay!

Das erste Mal, dass ich des Holocaustgedenktags richtig gewahr wurde, war wohl im Jahre 1999 und ich war ein Freshman im College an der University of Pennsylvania. Ich war auf dem Campus unterwegs, vermutlich zwischen Vorlesungen, ich weiß das nicht mehr so genau, als ich hörte, wie Namen von Menschen vorgelesen wurden. Es war eine kleine Bühne und an seiner Yarmulke als jüdisch zu erkennender Student vor einer Gruppe von anderen jüdischen Studenten an einem Mikrofon und las von einer Liste vor. Es dauerte ein bisschen bis ich es begriff, daß es sich um die Namen von Opfern des Holocausts handelte und mir wurde flau und mulmig im Magen. Schließlich war ich doch Deutscher, das war unsere Schuld, so hatte ich das gelernt und verinnerlicht, vor allem durch den Geschichtsunterricht und den damit verbundenen Besuch der KZ-Gedenkstätte Dachau. Der innerliche Antrieb des “Nie wieder!” kam für mich aus dem Gefühl der Verantwortung, die aus der historischen Schuld erwuchs. Das hatte ich jetzt verstanden. Die Veranstaltung auf dem Campus ging den ganzen Tag, die Studenten wechselten sich am Mikrofon ab, bis sie alle Namen der Opfer vorgelesen hatten.

Mich beschäftigte aber das komische Gefühl, daß ich im Magen hatte. Wie sollte ich damit umgehen? Schließlich hatte jetzt erst, im Alter von 20 Jahren, zum ersten Mal in meinem Leben, wirklichen regelmäßigen Umgang mit Juden und der jüdischen Kultur. Ich hatte zwar im Rahmen des evangelischen Religionsunterrichts an meiner Schule einmal die Synagoge in Augsburg besucht, aber das war es auch schon bis dahin. Dankenswerterweise hatte ich dafür damals eine Ansprechpartnerin, die mitterweile leider verstorbene Prof. Fay Ajzenberg-Selove, die unsere Einführungsvorlesung in Mechanik im Fall Semester gehalten hatte. In Ermangelung eigener Kinder waren wir Physikstudenten in dem kleinen Kurs so ein bisschen wie Enkelkinder für sie, wir durften sie einfach mit “Fay” ansprechen, und ich ging gerne zu ihr in die Sprechstunde und die Gespräche wanderten auch gerne einmal über die Physik hinaus. Sie hatte mir im dem Rahmen auch auch eine Kopie ihrer Autobiographie “A Matter of Choices” mit einer persönlichen Widmung geschenkt, und ich war mir durch die Lektüre bewußt, daß sie als Jugendliche in Frankreich mit ihrer Familie, die Juden russischen Ursprungs waren, vor den Nazis geflohen war. Also beschloß ich, sie in ihrem Büro aufzusuchen und zu sehen, ob sie Zeit für ein kleines Gespräch hatte. Ich weiß nicht mehr genau, ob das jetzt am selben Tag war, oder später, aber auf jeden Fall berichtete ich ihr wie ich von dem Holocaustgedenktag betroffen war und das mich das schlechte Gefühl im Magen umtrieb. Und dann sah sie mich etwas erstaunt an und sagte (meinem nachlassenden Gedächtnis geschuldet, wohl paraphrasiert) mit Nachdruck:

“But it is not your fault. You are different generation. It is great that you are aware of it and feel somewhat responsible, but you should not feel bad.”

Diesen Satz von dem Menschen, den ich wirklich als ersten Holocaustbetroffenen persönlich besser kennengelernt hatte, zu hören, hat mir damals ungemein geholfen, meine eigene Sichtweise auf den Holocaust und dessen Schrecken vom Reflex wegzuentwickeln, den ich vorher in mir trug. In den darauffolgenden Monaten und Jahren folgten noch viele weitere Gespräche mit jüdischen Mitstudenten, Bekannten und Freunden über diese und ähnliche Themen und ich bin froh, dass mir mein Entschluß, in den USA zu studieren, eben auch dies ermöglicht hat. Aber begonnen hat diese persönliche Weiterentwicklung damals mit der wunderbaren Fay, daher einfach:

Thank you, Fay!

Fay98

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It might get loud – “Faust” am Residenztheater

Schon die Warnschilder im Foyer weisen darauf hin, dass der aktuelle “Faust” am Residenztheater München nichts für schwache Herzen ist. Das ist natürlich übertrieben, aber er spart nicht mit Knalleffekten und lässt auch nicht den Einsatz der Stroboskopbeleuchtung aus. Gestern habe ich das Stück unter der Regie von Intendant Martin Kušej bereits zum zweiten Mal gesehen, nachdem ich letzten Juni der Zweitaufführung beigewohnt habe.

Und ich kann sagen, dass ich ihn wirklich gut und zeitgemäß finde. Mir gefällt die Graphic-Novel-Ästhetik der Inszenierung – abermals ein tolles Bühnenbild von Aleksandar Denić – mit ihren starken Schwarz-Weiß-Kontrasten, die durch den sturen Rhythmus (oder “Beat”) noch verstärkt wird. Es ist zuweilen, als ob man umblättert und dann in der nächsten Szene die nächsten gezeichneten Panels betrachten kann. Und mit der Länge von ca. drei Stunden ist es sicherlich eine der strafferen Faust-Inszenierung, was dem Stoff auch zugute kommt.

In ihrer Bearbeitung verlassen sich Martin Kušej und seine Dramaturgen Angela Obst und Albert Ostermaier darauf, dass das Publikum den Faust als deutschen Kanon bereits kennt und kürzen ihn auf teilweise auf die relevanten Bestandteile vieler Szenen und befreien ihn vom Schwulst. Auch verschieben sie einige Episoden der Walpurgisnacht und auch Faust II an den Anfang des Stücks, was dabei hilft den Rhythmus zu etablieren und dann auch in der zweiten Hälfte so aufrecht zu erhalten.

In dieser Fassung ist Faust kein edel leidender Sinnsucher, der von Mephisto verführt die Welt in Grund und Asche legt, sondern ein gieriger, hungriger Mensch, der die Zerstörung, die er anrichtet, mindestens billigend in Kauf nimmt. Teilweise scheint er zwar Reue zu zeigen, aber schlußendlich ist diese auch falsch und hohl, er rettet nichts, weder Philemon und Baucis noch Gretchen, auch wenn er dazu Absicht zu beteuern scheint. Es ist ein Faust für unsere Zeit, entrümpelt von Erdgeistern und von Gott, der enthüllt, wie leer doch die Gier ist, mit der sich Faust durch die Weltgeschichte ätzt. Dabei kommt auch heraus, dass Faust und Mephisto zwei Seiten ein- und derselben Medaille sind, was sicherlich auch an dem tollen Duo von Bibiana Beglau als Mephisto und Werner Wölbern als Faust liegt. Da stimmt einfach die Chemie im Spiel und auch der Kniff, den Mephisto mit Bibiana Beglau weiblich zu besetzen hilft dabei, das Wechselspiel der gegenseitigen Triebe und Antriebe zu etablieren.

Was hier für mich persönlich aber auch deutlich wird, ist wie die Gretchenträgodie, dieses religiös-bürgerliche Trauerspiel, aus dem Goetheschen Textrahmen fällt. Im Vergleich zu den anderen Versuchen Mephistos, Fausts Gier zu stillen und seine Wette zu gewinnen, wirkt diese Episode eigentlich erbärmlich bieder und zumindest brandete in mir persönlich die Frage auf, warum diese eigentlich so eine herausragenden Stellung im Text hat. Gut, es is wohl auch einfach so, dass die inhärente Religiösität der Episode in unserer jetzigen Gesellschaft auch keine große Resonanz oder Relevanz hat. Die berühmte Gretchenfrage ist auch hier nur ein Comicpanel unter vielen. So halten wir es heute halt mit der Religion. Darüber kann leider Andrea Wenzls tolles Spiel als ein durchaus selbstbewusstes Gretchen, was bei der Besetzung zu erwarten war, wenn man sie als Katharina in “Der Widerspenstigen Zähmung” gesehen hat, auch nicht hinwegtäuschen. Sie braucht keinen Herrgott, der sie rettet, sie rettet sich auf ihre Art selber, indem sie ihr Ende selbst bestimmt. Schön ist, dass Kušej sich hier nicht beirren lässt und den Rhythmus seiner Inszenierung gnadenlos beibehält. An dieser Stelle seien aus dem Rest des guten Ensembles noch Hanna Scheibe als Frau Marthe Schwerdtlein und Silja Bächli als Hexe hervorgehoben.

Ich kann ihn empfehlen, diesen “Faust” von Kušej, man sollte halt seine Vorurteile an der Garderobe abgeben und ihn mit einem offenen Geist und wachen Sinnen betrachten. Dann muss man auch nicht unendlich streben. Klassiker sind schließlich deswegen Klassiker, weil sie immer wieder neuen Betrachtungsweisen und Bearbeitungen standhalten und in den verschiedensten gesellschaftlichen Epochen neue Erkenntnisse liefern.

But be warned: it might get loud.

Apocalypse Baal – Extended Cut

Er macht halt ein anderes Theater. Ein Theater, das laut ist, und deklamierend; es nervt mit Absicht, es driftet in den Slapstick ab, es ermüdet und zermürbt das Publikum. Aber dabei ist es auch intensiv und sprüht vor Ideen und Spiellust.

Am Donnerstag letzter Woche hatte nun die neueste Inszenierung von Frank Castorf Premiere am Münchner Residenztheater, und dieses Mal hatte er sich den “Baal” von Bertolt Brecht vorgeknüpft, jenes frühe Stück des Dichters über der selbstzerstörerischen Dichter, der sich durch eine Stadt des Deutschlands nach dem ersten Weltkrieg hurt und säuft und dabei scheinbar alles verschlingen und zerstören möchte, was ihm im Wege steht. Und so marodiert an diesem Theaterabend Aurel Manthei als Baal durch das Bühnenbild von Aleksandar Denić, der abermals eine verschachtelte, fast in sich geschlossene Welt erschaffen hat, in der das Spiel oft auch nur per Livevideo auf den Leinwänden, die über dieser schweben, erschlossen werden kann. Wenn diese nicht ausreicht, nutzt Castorf einen Greenscreen hinter der Bühne, um mit weiteren Livevideos auszuschweifen. Durch diese Bühnenwelt wird Baal die meiste Zeit begleitet von seinem Gefährten Ekart (Franz Pätzold) und seiner Geliebten Sophie (Castorf-Neuling Andrea Wenzl), stellvertretend für alle Frauen, die Baal im Brechtschen Original liebt. Dazu kommt Bibiana Beglau, die in keiner Münchner Castorf-Inszenierung fehlen darf, als die Höllengemahlin Isabelle, ebenso wie Katharina Pichler, Jürgen Stössinger und Götz Argus, die in diversen Nebenrollen sehr kompetent unterstützen. Dazu kommt Opernsängerin Hong Mei, die während des Stücks immer wieder Arien aus Puccinis “Madama Butterfly” zu Besten gibt. Dabei bedient sich Castorf, wie immer, nicht nur des Textes des Originals, sondern zersetzt diesen und setzt ihn mit Material aus anderen Quellen wieder zusammen. Hier ist es hauptsächlich Francis Ford Coppolas “Apocalypse Now” und dessen düstere Version des Vietnamskriegs. Dabei dürfen ein Hubschrauber auf der Bühne und das Zitat vom Geruchs des Napalms am Morgen natürlich nicht fehlen.

Von Castorf kenne ich nur die drei Inszenierungen, die er seit Beginn der Intendanz von Marint Kušej ans Residenztheater gebracht hat, also “Kasimir und Karoline” von Ödön von Horvrath, “Reise ans Ende der Nacht” nach dem Roman von Louis-Ferdinand Céline und eben jetzt den “Baal” von Bertolt Brecht. Was diesen allen gemein ist, ist die Länge von über jeweils über vier Stunden. Denn Castorf lässt den Ideen, die er auf die Bühne bringt, wenn nicht notwendigerweise den physischen Raum, aber die Zeit, sich auf der Bühne zu entwickeln. Das führt dazu, dass diese Stücke dann ihre Längen haben bzw. keinen Rhythmus oder präzises Timing entwickeln, wie ich das oft in anderen Stücken erlebe. Aber man sollte sich weder vom lauten Spiel noch von möglicherweise zu langen Szenen ablenken lassen. Castorf will zwar nerven, aber nicht mehr wirklich erschrecken. Nur die konservativsten und rückwärtsgewandtesten der Theaterbesucher werden sich bei Castorf noch erschrecken und es sind meiner subjektiven Wahrnehmung nach deutlich weniger Leute zur Pause gegangen als noch bei der Premiere von “Reise ans Ende der Nacht”.

Und Castorf hat durchaus etwas zu sagen, trotzdem er seine Assoziationen scheinbar beliebig durcheinanderwürfelt und einfach direkt und unverblümt deklamieren lässt. In meinen Augen hat er nämlich durchaus eine gesellschaftliche und politische Aussage in dieser Inszenierung versteckt, aber bevor ich dazu weiter ausschweife, möchte ich noch ein paar Momente erwähnen, die für mich persönlich in der Inszenierung stark waren. Interessanterweise blieben mir da genau die Stellen vor und nach der Pause so wie am Ende des Stückes im Gedächtnis hängen. Vor der Pause ergibt sich eine längere Sequenz, die mit einer Szene vor dem Greenscreen beginnt, in der das gesamte Ensemble die im Hintergrund projizierte Szene mal synchron, mal zeitversetzt nach- bzw. vorspricht. Die Szene ist aus “Apocalypse Now Redux” und zeigt den Empfang von Captain Willard und der Besatzung seines Bootes auf der Plantage französischer Kolonialisten in Vietnam und das anschließende Bankett im Haus. Auf ersten Blick schien sich diese Szene viel zu lang hinzuziehen, aber als diese dann auf der Bühne in einem Bankett mündet, das in einer von Opiumrauch geschwängerten Atmosphäre stattfindet und ganz ruhig die Eröffnungsszene des Baal, die auf einer Party von Baals Gönner spielt, nachspricht und deren Text bereits am Anfang der Inszenierung von Manthei, Pätzold und Wenzl von der Bühne gefeuert wurde. Diese doppelte Dopplung war ein grenzgenialer Kniff und hat mich etwas verdutzt, aber nachdenklich in die Pause entlassen. Aus dieser kam das Stück sehr sanft zurück, als minutenlang nur ein wabernde, leicht bedrohliche musikalische Untermalung den vom Band kommenden, fast faustischen Satz “Es wohnen zwei Seelen in deiner Brust. Eine, die liebt und eine die tötet.”, der dem Ende der Bankettszene des Films entnommen war, wiederholte. Gegen Ende des Stückes stellte sich mir als Zuschauer nun die Frage, wie Castorf denn aus seinem Labyrinth von Ideen und Assoziation herausfinden würde, was er mit “gar nicht” beantwortete. Beziehungsweise, er entlarvte die Illusion seinen Bühnenbildes, in dem er das nicht gerade schmeichelnde normale Bühnenlicht anmachte und sein starkes Ensemble auf und um den Hubschrauber herum den restlichen Text im Stile einer Laientruppe in einem Brechtschen Lehrstück herunterspielen ließ, was für mich den Abgang gewollt stümperhaft und damit irgendwie liebenswürdig machte. Ein genialer Schachzug.

Es sei noch kurz der einzige Wermutstropfen erwähnt, denn das Sounddesign war wohl nicht gewollt so unterdurchschnittlich, wie es rübergekommen ist. Es gab einfach zu viele Momente, wo es nicht gut abgestimmt war. Das Boom-Mikrofon war nicht immer rechtzeitig bei dem/der Schauspielerin, der/die gerade zum Sprechen anhob, ebenso wie leider recht oft das Timing, die Lautstärke der eingespielten Musik wieder für den auf der Bühnen gesprochenen Text herunter zu regeln, einfach nicht stimmte. Was leider manchmal den Fluss Stückes wirklich unnötig und auf eine ärgerliche Weise ins Stocken brachte. Ich hoffe, es war vielleicht nur dem Premierenabend geschuldet und das Problem ist bei zukünftigen Vorstellungen behoben.

Abschließend will ich noch ein bisschen auf das eingehen, was ich die als die gesellschaftliche bzw. politische Aussage empfunden habe, die Castorf in der Inszenierung nicht notwendigerweise verborgen hat, diese aber auch nicht in der Vordergrund gestellt hat. Dass er sich nämlich ausgerechnet auf die Szene in “Apocalypse Now Redux” draufgesetzt hat, die sich mit dem französischen Kolonialismus ist auseinandersetzt und, nebenbei, auch gar nicht in der Originalversion des Films vorkommt, war für mich ein Verknüpfungspunkt zu seiner vorangegangenen Münchner Inszenierung “Reise ans Ende der Nacht”, in deren Romanvorlage die Hauptfigur Ferdinand Bardamu in die französischen Kolonien in Afrika geht, nachdem er den ersten Weltkrieg überlebt hat. Offensichtlich treiben Castorf der französische Kolonialismus, der von allem europäischen Kolonialismus am spätesten endete, und seine Folgen um. Schließlich wäre es ja gerade bei dem Themenkomplex des Vietnamkriegs ein leichtes gewesen, die Verfehlungen der Amerikaner zu thematisieren. Auch im Programmheft und im Stück bezieht sich Castorf explizit auf Jean-Paul Sartre, der sich im Vorwort zu Frantz Fanons “Die Verdammten dieser Erde” mit dem Kolonialismus auseinandersetzt:

“In den Kolonien zeigte sich die Wahrheit nackt: In der eine Kolonie hat sich das Mutterland damit begnügt, einige Feudalherren zu bezahlen, in der anderen Kolonie hat es nach dem Prinzip ‘Divide et impera’, einen Kolonisiertenbourgeoisie aus dem Boden gestampft. Wieder woanders wurde ein hat es ein doppeltes Spiel gespielt: Die Kolonie ist gleichzeitig Ausbeutungs- und Ansiedlungskolonie. So hat Europa die Spaltungen und Gegensätze vermehrt, künstlich Klassen und manchmal auch Rassismen geschaffen und mit allen Mitteln versucht, eine Aufspaltung der kolonialisierten Gesellschaften in verschiedenen Schichten hervorzurufen und zu vertiefen.”

Auch dessen Spätfolgen, diese soziale Spaltung und der praktizierte und institutionalisierte Rassismus habe ich immer wieder in der Inszenierung durchklingen hören. Und die Bezugnahme auf Paris als Zentrum und Symbol Frankreichs wurde sogar durch die Aktualität der Ereignisse von Anfang Januar stärker und wirkungsvoller als Castorf vorausahnen Konnte. Aber die Szene, in der die Darsteller über Paris schweben und dann die Kamera noch einmal über diese Bilder der Stadt ohne die Darsteller abfährt, wirkte auf mich wirklich unheimlich. Es sei auch noch der interessante Artikel von Matthias Heine in der WELT erwähnt, wo er gar die Figur des Baal und damit auch den jungen Brecht in der französischen Tradition des Poéte maudit wähnt und damit Castorfs Faszination mit Frankreich in allem Schlechten wie Guten noch stärker macht, als ich sie empfunden habe.

Nicht nur deswegen verspüre ich die große Lust, mir sowohl “Baal” als auch “Reise ans Ende der Nacht” jeweils noch einmal im Residenztheater zu Gemüte zu führen, um zu sehen, ob diese Wahrnehmungen meinerseits sich bestätigen oder gar vertiefen zu lassen. Aber auch, weil zumindest mir Theaterabende mit Castorf Spaß machen. Und der sollte nie zu kurz kommen.

Die Reise geht auch nach der Apokalypse weiter …

Nachtrag vom 24.2.2015:

Die Reise geht wohl weiter, aber die Apokalypse wurde erst einmal aufgehalten. Ich werde nicht die Chance haben, mir “Baal” in dieser Form noch ein zweites Mal anzuschauen, da ein gerichtlicher Vergleich zwischen dem Suhrkamp Verlag als Rechteinhaber und Vertreter der Erben Brechts und dem Residenztheater vorsieht, dass diese nur noch einmal in München, und zwar schon diese Woche am 28.2.2015, und dann noch einmal auf dem Theatertreffen 2015 in Berlin aufgeführt werden darf. Es kam zu diesem Vergleich, da der Suhrkamp Verlag wohl zurecht auf Unterlassung der Aufführung dieser Inszenierung geklagt hatte, weil die Aufführungsrechte für den “Baal”-Text nicht eingeräumt wurden (hier eine ausführliche Analyse von Prof. Dr. Rupprecht Podszun für nachtkritik.de). Dennoch bleibt es zu hoffen, dass diese Inszenierung, die ja doch auch zu nicht unbeträchtlichem Teil aus Fremdtexten besteht – auch ein zentraler Aspekt der Klage, in einer anderen Form ohne den Text Brechts in einer Art Director’s Cut oder “Baal Redux” weiterleben kann. Denn die Gedanken zu Gier und Kolonialismus, die sich Castorf in der Inszenierung gemacht hat, bleiben auch ohne Brechts “Baal” als Aufhänger interessant und relevant. The show must go on!

Nachtrag vom 20.4.2015:

Jetzt ist es leider traurige Gewissheit. Die “Baal”-Inszenierung wird leider auch nicht in einer abgeänderten Form weiterleben, wie der Intendant des Residenztheaters, Martin Kušej, in dieser deutlichen Mitteilung vom 17.4.2015 bestätigte. Es ist ein Verlust für die künstlerische Auseinandersetzung und auch ein Armutszeugnis für die Verwalter des Brechtschen Erbes. Nach einer allerletzten Aufführung am 17.5.2015 auf dem Theatertreffen in Berlin fällt der Vorhang für Frank Castorfs “Baal”. Schade.

Im Bann des Kinos

Irgendwann, nachdem etwa zweieinhalb Stunden des Films vergangen waren, habe ich doch nachgegeben. Ich hatte den Drang schon etwas länger gespürt, ich habe dann das Unvermeidliche zugelassen und bin für zwei Minuten aus dem Kinosaal gehuscht, um einmal für kleine Kinobesucher auf die Toilette zu gehen. Ich hatte mich so lange wie möglich dagegen gesträubt, ich wollte nichts versäumen. Was ist das nur für ein Film, der mich so im Bann gehalten hat, dass ich trotz seiner über vierstündigen Länge keine Minute verpassen wollte?

Ich war also am Dreikönigstag im Monopol Kino zu München und habe mir den Film “Norte, Hangganan ng Kasaysayan (Norte, The End of History)” des philippinischen Regisseurs Lav Diaz angeschaut. Hauptsächlich bin ich hingegangen, da man hierzulande sehr selten philippinische Filme zu sehen bekommt und ich mich ja durchaus für das Herkunftsland meines Vaters und seiner Kultur interessiere. Eigentlich bekommt man philippinsche Filme fast nur auf dem Filmfest München oder anderen Filmfesten zu sehen, so konnte ich zum Beispiel “Thy Womb (Sinanpunan)” und “Shackled (Posas)” im Jahre 2013 auf dem Filmfest sehen. Nun hatte ich mich gemäß meiner üblichen Gepflogenheiten im Vorfeld so gut wie möglich von Kritiken ferngehalten und eigentlich nur diese begeisterten Zeilen von Wesley Morris auf Grantland gelesen, als er im Sommer 2014 vom Festival in Cannes berichtete. Aber da hatte ich schon längst entschieden, mir den Film auf jeden Fall anzuschauen.

Die Handlung des Films, die in der namensgebenden philippinischen Region Ilocos Norte spielt, basiert auf dem Roman “Schuld und Sühne” von Fjodor Dostojewski und greift auch genau diese Themen auf. Ein Doppelmord wird begangen und der Rest des Films setzt sich mit den Konsequenzen dieser Tat auseinander. Der eigentliche Täter kommt davon und ein Unschuldiger wird verurteilt und eingesperrt. Am Anfang des Films werden wir mit den Hauptfiguren vertraut gemacht, dem ehemaligen Jurastudenten Fabian (Sid Lucero) und seiner Wut auf die Welt und seinem Wunsch auf Revolution und Aufbegehren gegen die herrschenden Verhältnisse; und Eliza (Angeli Bayani) und ihren Mann Joaquin (Archie Alemania), die sich in ärmlichen Verhältnissen befinden und durchschlagen müssen, v.a. da sich Joaquin das Bein gebrochen hat und daher nur schwerlich arbeiten gehen kann. Alle drei stehen bei Miss Magda (Mae Paner) in der Schuld und als Fabian sie und ihre Tochter in einem für ihn Akt revolutionärer Konsequenz ersticht, beginnt der Reigen von Schuld und Sühne. Denn anstatt Fabian wird Joaquin verurteilt und eingesperrt, da er kurz vor der Tat Miss Magda bei einem Streit tätlich angegriffen hat und er bei dem Prozess auf Empfehlung seines Anwalts ein falsches Geständnis abgelegt hat. Der Film konzentriert sich nun auf Folgen dieser Ereignisse für die drei Hauptfiguren und begleitet diese dabei über einen Zeitraum von mehreren, ich meine vier, Jahren. Wir sehen Fabian, der zwar vom Gesetz ungestraft davongekommen ist, schwer an seiner Last, ein Mörder zu sein, zu tragen und nach und nach aufgrund der Schuld, die er auf sich geladen hat, zu verrohen. Währenddessen versucht Joaquin trotz seiner lebenslänglichen Gefängnisstrafe in den rohen Verhältnissen des philippinischen Strafvollzugs und guter Mensch zu bleiben. Und Eliza begleiten wir dabei, wie sie versucht, sich, ihre Kinder und ihre jüngere Schwester durchzubringen und zu ernähren.

Die wahre Wucht der Handlung und des Themas entwickelt sich aber aus der Kunst, mit der diese erzählt werden. Und hier erhebt Regisseur Lav Diaz den Film für mich zu einem Meisterwerk. Er lässt die Bilder wirken, indem er lange auf einer Kameraeinstellung verharrt und die Szene wirken kässt. Es sind klare, gestochen scharfe Bilder, die uns nichts vorgaukeln zu wollen scheinen. Aber nicht nur das, er erzählt die Handlung mit den Details, die in solchen Bildern stecken und gibt dem Zuschauer die nötige Zeit und den nötigen Raum, die Augen über die Szene wandern zu lassen, diese vollständig zu erfassen und die für den Film notwendigen Informationen für sich selber zu entdecken. Dabei kam es bei mir am Ende sogar soweit, dass ich in einer Szene fast gegen Schluss des Films im Kino die Hände über dem Kopf zusammenschlug, als ich bei einem langsamen Schwenk über die Szene das entdeckte, was mit der vorhergehenden Szene und diesem Schwenk über mehrere Minuten aufgebaut wurde und mich dann spontan entsetzte. Da sieht man einmal, wie intensiv Kino wirken kann, wenn man es nicht mit schnellen Schnitten zerhäckselt und mit bombastischem Sound zudröhnt. Eine selber gewonnene Erkenntnis ist mannigfach wertvoller als eine vorgekaute und plakativ vorgetragene Erklärung. Das hält Diaz in einem erfrischenden Kontrast zur geschwätzigen Mainstreamware nämlich auch nicht für nötig und vertraut auf die Auffassungsgabe des Publikums. Die wenigen Dialoge, gerade in den Szenen mit Eliza und Joaquin, gewinnen so an Signifikanz, während Fabians revolutionäre Fantasien auf diese Weise als leeres Geschwätz entlarvt werden. Dafür sind kleine Gesten und Blicke umso wichtiger, sie sind ein Fenster in die Seele der Figuren. Und diese erfüllen nicht nur die Hauptdarseller, aber vor allem diesen und da besonders Angeli Bayani und Sid Lucero, wirklich mit Leben. Verstärkt wird dieser Effekt des aus dem Leben-Gegriffen-Seins auch noch dadurch, dass trotz seiner imposanten Länge der Film immer noch so wirkt, als habe er mitten in der zu erzählenden Geschichte angefangen und auch wieder inmitten dieser aufgehört.

Ich habe mir überlegt, ob ich noch einige für mich persönlich besonders denkwürdige Szenen und Bilder hervorhebe, aber ich enthalte mich dem jetzt einmal, einerseits da der Film für mich wie aus einem Guß erscheint, andererseits da ich hoffe, dass der ein oder andere den Film für sich selber entdecken möchte. Ich kann es nur wärmstens empfehlen.

Ich hätte nicht gedacht, dass mich das Kino jemals noch einmal so in seinen Bann schlagen könnte.

Vielen Dank dafür, Lav Diaz!

“Norte, Hangganan ng Kasaysayan (Norte, The End of History)” (Philippinen 2013, Laufzeit: 250 Minuten, Regie: Lav Diaz, Darsteller: Angeli Bayani, Sid Lucero, Archie Alemania, Angelina Kanapi, Soliman Cruz, Mae Paner, Hazel Orencio u.v.a.). Weitere Informationen zum Film gibt es auf der Website des deutschen Verleihs Grandfilm.