Das Mädchen schweigt. Das Abendland marschiert.

Ich kann es immer noch nicht fassen. Ich kann es immer noch nicht begreifen. Wie auch, wie auch? Ich fühle die Verwandtschaft mit dem Mann, den Intendant und Regisseur Johan Simons den Schauspieler Stefan Hunstein im Prolog zu Elfriede Jelineks Stück “Das schweigende Mädchen” seine Fassungslosigkeit in den Zuschauerraum der Münchner Kammerspiele schreien lässt.

Das Stück über den laufenden NSU-Prozess und seiner Hauptprotagonistin Beate Zschäpe, dem schweigenden Mädchen, habe ich am vergangenen Montag nun zum zweiten Mal gesehen und es hat mich genauso aufgewühlt wie beim ersten Mal. Simons hat das Stück als szenische Lesung mit einem subtilen Spiel und irritierend untermalender Musik inszeniert, vor einem provozierend an das Brettspiel “Pogromly” der NSU-Unterstützer angelehnten Bühnenbild. Der religiöse Subtext des Stückes wird durch die “Engel des Herrn” (Wiebke Puls, Benny Claessens, Steven Scharf), die “Propheten” (Anette Paulmann, Hans Kremer) und den” leidenden Messias” (Risto Kübar) dargestellt. Wie immer bei einem Jelinekstück nehmen diese dann während des Stücks andere Rollen und inhaltliche Positionen ein, mit der Ausnahme der Messiasfigur. Die einzig konsequent weltliche und eindeutige Figur ist die des Richter Götzl (Thomas Schmauser), die immer wieder versucht, der Komplexität der Sache klar durch Fragen Herr zu werden. Da ich glaube, dass vielleicht der ein oder andere Leser dieses Stück noch sehen und sich selber einen Eindruck machen möchte, will ich hier auch gar nicht weiter auf die Inszenierung selber eingehen.

Aber ich kann darüber reden, was diese Inszenierung mit mir gemacht hat und warum es mich so aufgewühlt hat. Beim ersten Mal fiel mir vor allem die Hilflosigkeit auf, die sowohl der Text als auch die Inszenierung ausstrahlen. Ich hatte mir von Elfriede Jelinek erhofft, dass vielleicht wenigstens sie mir einen Anhaltspunkt geben kann, mit dem ich diese unfassbare Serie von Terrormorden und das Versagen der Demokratie und des Rechtsstaates begreifen kann. Nun ja, noch hat der Rechtsstaat in Form des Münchner Oberlandesgerichts und des Richters Manfred Götzl die Chance, zumindest einen Teil dieses Versagens wieder gut zu machen. Aber ich begreife es immer noch nicht, ich kann es immer noch nicht fassen. Auch Elfriede Jelinek konnte mir nicht wirklich helfen, weil sie wohl selber auch nicht wusste, wie sie dem Thema beikommen soll. Ich weiß nur noch, mit welcher Wut ich aus dem Theater auf die eklig geleckte Maximilianstraße hinaustrat mit ihren lustwandelnden, den Mammon frönenden Menschen und diesen allen ins Gesicht schreien wollte, dass sie aufwachen sollen, dass sich dieser Ungerechtigkeit und der Verbrechen gewahr werden sollen. Ich konnte zuhause auch gar nicht so recht einschlafen, so aufgewühlt war ich. Und das war alles Anfang Oktober, das war vor Pegida.

Pegida. Die patriotischen Europäer. Das besorgte Abendland. Es marschiert, das besorgte Abendland. Oder war es doch das Volk? Gar das deutsche Volk? Sagt es zumindest, das Pegida, dass es das Volk sei. Ja jetzt ein europäisches Volk? Oder doch nur das gute deutsche Volk, das Angst hat vor Überfremdung und Islamisierung und überhaupt? Dessen Sorgen und Nöte wir ernst nehmen müssen. Sagt die reaktive Politik ohne Haltung, halt nein, mit Machterhaltung als einzigem Zweck. Zugestanden, vielleicht ist noch Wirtschaftsinteressen vertreten zweckmäßig. Aber man kann ja von Volksvertretern nicht verlangen, dass sie dem immer gewahr sind. Aber jetzt, wo das Volk wieder sagt, wer es ist, da wissen sie wieder wen sie vertreten müssen. Und es sind nicht die Hilfesuchenden, die Flüchtlinge, deren Menschenwürde in ihrer Heimat nicht geachtet wird und dann auch hier in Deutschland missachtet wird. Das goldene Stück Scheiße geht an euch!

Und da helfen auch nicht 12.000 Menschen auf dem Max-Joseph-Platz und Selbstbeweihräucherung des Bildungsbürgertums auf der Bühne, die Fahnen der verlogenen Parteien flatterten im milden Dezemberwind. Ich habe an “Platz da!” teilgenommen, um dort dem Pegida eine Zahl entgegenzusetzen, damit die Politik auch die Gegenposition ernst nimmt, die Position der Menschlichkeit und der Offenheit, die der Demokratie. Aber dann wurde halt auch nur viel musiziert und sich selbst abgefeiert. Es gab gute Momente, z.B. als der syrische Flüchtling zu Wort kam, leider fast gegen Ende, als mindestens ein Drittel der Menschen schon gegangen war. Auch die Lesung aus dem Jelinekstück “Die Schutzbefohlenen” war eindringlich und prägnant. Aber zwei Stunden rumstehen reicht nicht, das löst keine Probleme. Das goldene Stück Scheiße geht an uns!

Und dann habe ich “Das schweigende Mädchen” eben ein zweites Mal gesehen, so wie ich eigentlich oft interessante oder spannende Theaterstücke ein zweites Mal besuche. Und bemerkt, wie Elfriede Jelinek diese Attitüden der besorgten, unscheinbaren Bürger damals schon fast genauso analysiert und aufgegriffen hat und ich habe mich dabei ertappt, wie ich im Theater an manchen Stellen resignierend abwinkende und wütende Gesten gemacht habe, was nicht so schlimm war, da wir in einer der Logen hinten oben saßen und ich niemand hinter mir hatte. Also obwohl ich schon wusste, was mich erwartete, war ich ebenso wütend und aufgewühlt wie beim ersten Mal. Das ist einerseits gutes Theater, aber andererseits auch eine Anklage an das Deutschland des heutigen Tages.

Aber ist es wirklich nur das Deutschland des heutigen Tages? Ich habe in den letzten Tag auch zwei Ausstellungen besucht, einmal am Sonntag die Ausstellung “Krieg! Juden zwischen den Fronten 1914-1918” im Jüdischen Museum München und am Montag die Ausstellung “Erfolg: Lion Feuchtwangers Bayern” im Literaturhaus München. Und da stellt sich mir durchaus die Frage, ob ich mich vielleicht geirrt habe. Ist vielleicht Deutschland nicht das Deutschland, in dem ich aufgewachsen zu glauben schien? Eine demokratische, zumindest um Offenheit und Akzeptanz bemühte, Gesellschaft? Sind diese Ressentiments gegenüber dem vermeintlich Fremden nicht vielleicht doch essentiell für dieses Deutschland? Selbst die jüdischen Deutschen, die sich als wirklich deutsche Bürger begreifen und in den 1. Weltkrieg ziehen, kriegen ihre Hoffnung nicht erfüllt, dass ihre Teilnahme endgültig in der Emanzipation und Gleichstellung mündet, sondern in der gewohnten Diskriminierung und Ablehnung. Das in der empfehlenswerten Ausstellung vorgeführt zu bekommen ist durchaus bitter. Und auch das Bild der deutschen, halt, der bayrischen Gesellschaft, das Lion Feuchtwanger in seinem Schlüsselroman “Erfolg. Drei Jahre Geschichte einer Provinz.” in der Handlung und den Jahren 1921-1923 zeichnet und das in der Ausstellung mit Zeitdokumenten und Passagen untermalt ist, zeigt eine Gesellschaft, die allzu empfänglich für alles Rückwärtsgewandte und Bewahrerische ist und den kommenden Führer ist. Und ich stelle mir die Frage, ob sich in den letzten 100 Jahren wirklich etwas getan hat in unserer Gesellschaft.

Ich bin auf jeden Fall schon fast geneigt, den Worten zuzustimmen, mit denen die Figur des Richter Götzl “Das schweigende Mädchen” beendet: “So flieh, Fremdling, wenn du uns siehst, wenn du die Jungfrau siehst, wenn du ihre Söhne siehst, flieh Fremder …”

Ich halte hier jetzt mal inne, bevor ich noch abertausend weitere Wörter suchen und schreiben, aber dennoch nicht weiterkommen werde. Ich weiß, dass ich hier viele Fragen aufgeworfen und nicht beantwortet habe. Ich habe auch viele ungeordnete und auch undifferenzierte Gedanken zu Papier gebracht. Aber das ist schlichtweg ein Ausdruck meiner eigenen Hilflosigkeit und des Nicht-Begreifen-Könnens, den ich mal ungefiltert loswerden musste.

Als mageren Ersatz für einen abschließend zusammenfassenden Gedanken kann ich nur bieten, dass, sollte das Deutschland von Pegida und Konsorten wirklich das Deutschland des Jahre 2015 sein, ich es für mich persönlich dann nur mit der Band SLIME halten kann:

“Deutschland muss sterben, damit wir leben können.”

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