O Mnemosyne, ver(b)lass uns nicht!

“Sanity is a full-time job, in a world that is always changing.”

“Questions arose. Like, what in the fuck was going on here, basically?”

„Jedes Ding hat drei Seiten, eine positive, eine negative und eine komische.“

Wir leben in Zeiten des Aufbruchs. Gewissheiten brechen auf. Grenzen brechen auf. Menschen brechen auf. Und wir sind damit überfordert. Wo ankern wir in dieser überall verknüpften, ständig fließenden Welt? Wir verlieren uns in Details, wollen diese greifbar machen, verallgemeinern, werden der Komplexität nicht im geringsten gerecht, gaukeln uns Verständnis und Bewältigung vor. Wenn wir das überhaupt selbst tun. Das unselbstständige Ich rotiert um die eigene Achse, lässt sich von äußeren lauten, vermeintlich klaren Stimmen leiten. Schwarz-Weiß statt Grauschatten. Dogmen statt Differenzierung. Und wir versumpfen in Grabenkämpfen in den neuen und den alten Netzwerken, den sozialen und asozialen.

„Wir leben in einer Zeit der einfachen Antworten. Was nicht in einen Hauptsatz passt, überfordert. Was sich nicht mit einem Ausrufungszeichen versehen lässt oder ebensogut mit einem Emoticon ausgedrückt werden könnte, ist verdächtig. Wo die Fundamentalismen den Ton angeben, gibt es nur noch Freund oder Feind, Like oder Dislike. Wo Meinungen produ­ziert werden statt Argumente, bleibt wenig Platz zum Nachdenken.“

Wir leben in einer Zeit, in der uns mehr Information als jemals zuvor in der Menschheitsgeschichte frei, öffentlich und demokratisch zugänglich ist; aber wir können immer weniger damit umgehen. Das stellt auch gemeinsame Chiffren oder Bilder, anders gesagt, unser kollektives Gedächtnis in Frage. Und wenn unser kollektives Gedächtnis in Frage steht, stehen damit nicht auch die Werte, die unsere gemeingesellschaftliche Basis unterfüttern, und gesellschaftliche Solidarität in Frage?

“And the more chaotic the times, the greater the demand for these absolutes.”

Unsere Aufmerksamkeitsspanne wird immer kürzer. Symbole sind unsere Placebos. Tiefergehendes Verständnis oder Handeln wird für leere Gesten geopfert, echte Konsequenzen werden nicht nachverfolgt. Und wir sind überrascht, wenn Handlungen dann doch Konsequenzen haben, die wir vorher nicht begriffen hatten. Wir überlassen uns vermeintlich Starken, die uns Antworten diktieren, die wir nicht selber finden können. Und der vermeintlich Schwache lässt sich von genau den Leuten verarschen und vereinnahmen, die ihn erst schwach gemacht haben.

„Jede Jugend ist die dümmste, die es je gegeben hat. Alle älteren Generationen, ihre glattrasierten Väter und die bärtigen großväterlichen Onkel die schuldigsten. Die Schuldigen fürchten sich vor den Dummen.“

“The Trouble with many of us is that at the earlier stages of our life we think we know everything – or, to put it more usefully, we are often unaware of the scope and structure of our ignorance. Ignorance is not just a blank space on a person’s mental map. It has contours and coherence, and for all I know rules of operation as well.”

Die Verantwortung der intellektuellen Eliten, unsere Verantwortung, in Zeiten der Krise darf nicht geleugnet werden; obwohl, eigentlich besteht diese Verantwortung immer, ob Krise oder nicht. Auch hier lässt Selbstzentrierung den Blick für die großen Notwendigkeiten verlieren. Es ist unser Versagen, das Versagen der Eliten. Können wir Ignoranz entgegentreten, ohne uns dabei ständig der eigenen Überlegenheit versichern zu müssen? Ohne paternalistisch intellektuellen Kolonialismus auszuüben? Lässt sich Empathie für Empathielosigkeit aufbringen? Wie übernimmt man Verantwortung in Zeiten der Verantwortungslosigkeit?

“The masses of humanity have always had to suffer”

„Ich fürchte mich vor der Schande, auf dieser Welt glücklich zu sein.“

Wir könnten solidarisch sein. Wir könnten helfen. Wir könnten gerecht sein. Wir könnten teilen. Aber das sehen wir nicht bei unserer Nabelschau. Tausende Reflektionen unserer selbst, die wir für andere halten. Denen wollen wir helfen und gerecht werden und sind doch es doch nur uns selbst gegenüber. Ungleich und unglücklich taumeln wir dahin.

„Art belongs to everybody and to nobody. Art belongs to all time and no time. Art belongs to those how create it and to those who savour it. Art no more belongs to the People and the Party than it once belonged to the aristocracy and the patron. Art is the whisper of history, heard above the noise of time. Art does not exist for art’s sake; it exists for people’s sake.“

„Kunst ist was für die Massen, denen man sie aber nicht erklären kann. Kunst ist prinzipiell unerklärlich. Nur zwei, drei Leute verstehen sie. Sie ist ein Phänomen, sie ist sichtlos, sinnlos, nutzlos.“

„Kunst um der Kunst willen wird schließlich steril und verliert jede sittigende Kraft, verliert alles gesellschaftlich Befruchtende.“

Kunst dreht sich nicht um sich selbst. Sonst ist sie leer. Kunst, die nicht politisch sein will, ist nicht unpolitisch. Sie ist reaktionär. Kunst kann Erkenntnis gebären, sie speist sich aus dem kollektiven Gedächtnis. Sonst ist sie sinnlos. Da liegt die Verantwortung des Künstlers in der Gesellschaft. Wir leben nicht im Vakuum. Der Künstler nährt sich aus der gesamten Kunstgeschichte, nein, der ganzen Menschheitsgeschichte, aus der Vergangenheit und aus der Gegenwart. Er nährt sich aus allem geschafften Wissen, allen Wissenschaften. Damit schafft der Künstler vielleicht ein Stück Zukunft. Sind wir uns dessen nicht bewusst, sind wir in Gefahr. Nichts Neues unter der Sonne, doch unendliche Möglichkeiten, das zeigt uns die Kunst.

“To have humanism we must first be convinced of our humanity. As we move further into decadence this becomes more difficult.”

„Fremd ist der Fremde nur in der Fremde.“

Da ist auch die Hilflosigkeit, die Machtlosigkeit, aus Beobachtungen und Erkenntnissen etwas Proaktives oder Positives entstehen zu lassen. Wir landen so leicht bei Kulturpessimismus, Zynismus oder einem dauerhaften Zustand des Achselzuckens, der Gleichgültigkeit. Wir sollten sie wachrütteln, so dass Sinn und Geist wieder benutzt werden. Warum fragen wir uns nicht mehr? Wie schaffen wir eine Gesellschaft mit Raum für Zeit und Neugier? Wer fragt und hinterfragt, findet seine Antworten. Wer offen ist für Neues und Fremdes, wird nicht verhärten. Dann ist das Neue nicht mehr neu, und das Fremde nicht mehr fremd. Es ist uns vertraut. Es ist schwer, einen offenen Geist und ein offenes Herz zu verschließen. Wir schaffen das.

„Wer sich dem Sog fremder Phantasie nie ausge­setzt hat, kann sehr schwer eigene entwi­ckeln; kann Bedro­hungen und Zwänge der wirk­li­chen Welt kaum Aktivität entge­gen­setzen, nicht einmal Toleranz. Denn der, der Muße nicht kennen­ge­lernt hat, bleibt ohne Initia­tive. Der Mensch, der nicht träumt, wird wahn­sinnig. Eine Gesell­schaft, die den Traum wegfil­tert, ist anfällig dem Wahn. […] Intel­lek­tu­eller Trägheit entspricht schnell mora­li­sche Leere. Sie ist auffüllbar zum Beispiel mit poli­ti­schem Chaos.“

„Saubande, dreckerte.“

Wir benutzen Filter, die wir zwischen Realität und Augen, Hirn und Herz schieben. Uns zählt nur noch die Reproduktion des Moments und die sofortige Verbreitung und Vervielfältigung anstatt der bewussten Erfahrung bzw. Wahrnehmung des Moments mit allen ursprünglichen Sinnen. Verarbeitung findet nicht mehr statt. Uns zählt nur noch die Bestätigung, das Häkchen, dass der Moment stattgefunden hat. Von der Inszenierung des Moments ganz zu schweigen. Keine Reproduktion und Vervielfältigung kann die Aura des Originals besiegen. Wir müssen uns überwältigen lassen.

“Another day, I know they say,
that all the world’s a stage.
I’ll play the fool, but as a rule,
I’d rather act my age.”

“It’s not where you take things from – it’s where you take them to.”

Wir können sehr einfach in filmischer und fotografischer Form reproduzieren, wir können viel leichter inszenieren. Wir führen Regie, indem wir Unmengen von Material reduzieren. Einst erforderte das von uns eine bewusste und wohlüberlegte Entscheidung aufgrund von Einschränkungen; das Foto oder der Film mussten sitzen, wir hatten erst Gewissheit, als es zu spät für eine zweite Chance war. Freilich haben wir Reisende in Raum und Zeit uns und unsere Berichte schon immer inszeniert, aber durch die Demokratisierung des Reisens und der Einfachheit der Wiedergabe ist eine Überladung erschaffen worden, die wir zu bewältigen lernen müssen.

„Fußball ist besser als Anarchie.“

“The Germans are disputing it. Hegel is arguing that the reality is merely an a priori adjunct of non-naturalistic ethics, Kant via the categorical imperative is holding that ontologically it exists only in the imagination, and Marx is claiming it was offside.”

Wir brauchen Brot und Spiele. Unser Es muss seinen Auslauf bekommen, die Emotionen explodieren dürfen. Aber auch hier lauert Erkenntnisgewinn, nicht nur über uns selber. Ein Spiel mag uns in fremde Welten führen, örtlich und menschlich. Auch hier muss unser Geist offen sein, hier gibt es zu verstehen. Sei es über Gemeinschaft, sei es sogar über Kultur. Wo immer wir Fremdem offen begegnen, können wir für die Gesellschaft tätig sein. Und wenn es beim Fußball ist.

“Times of great idealism carry equal chances for greater corruptibility.”

„I refuse to abuse what is kind to the muse, but it’s there and it’s happening to me along the way.”

“The world is crazy, spinning out of control, got to get together, cause it’s taking a toll. It’s getting uglier every day.“

Die sozialen und auch die traditionellen Medien sind eine einzige Weltverzweiflungsmaschine, Windmühlen des Weltschmerzes, angetrieben von zwanghaftem Furor und pathologischer Hysterie. Uns geht es in dieser Welt vermutlich nicht besser, oder schlechter, als sonst auch, aber es wirkt so auf uns. Die vermeintlichen Informationen, die in Echtzeit auf uns hereinprasseln, werden verstärkt, meist negativ, sei es durch zustimmende Übertreibung oder herablassenden Überlegenheitsdünkel. Und so wird unsere Wahrnehmung immer hässlicher, solange wir uns nicht entkoppeln können. Unsere Lust an der Dekonstruktion von Details ist ein Fluch. Es fehlt der Blick aufs große Ganze. Und wir machen uns kaputt.

 

“Why does a missile look like a cock, why is the world so fucked up?“

Wir sind kaputt.

„Die Welt ist zu einer Krankheit geworden.“

Wir sind befallen.

Wir sind Ödipus. Egal wie kritisch wir uns mit den Ursachen der Pest auseinandersetzen, wie sehr wir dagegen sind und wie schön wir dies in einem einfachen Hauptsatz formuliert kriegen: Wir sind es selbst!“

Wir sind Patient Zero.

„Auf einen Totenacker hat sie ihr Weg geführt.“

Wir sind am Ende.

 

“Was liffe worth leaving?”



Ich habe diesen Text für das Arbeitsbuch “Mnemosyne” des Künstlers Michael Grossmann verfasst. Mehr zum Projekt “Mnemosyne” und zu anderen aktuellen Arbeiten gibt es auf seinem Blog “Saengers Phall – work in progress”.

Zitaturheber (in order of appearance):
Bad Religion, Thomas Pynchon, Karl Valentin, Nicolas Stemann, William Gaddis, Ingeborg Bachmann, Thomas Pynchon, Bad Religion, Heiner Müller, Julian Barnes, Elfriede Jelinek, Oskar Maria Graf, Thomas Pynchon, Karl Valentin, Fritz J. Raddatz, Karl Valentin, The Rutles, Jean-Luc Godard, Unbekannter Schweizer, Monty Python, Thomas Pynchon, Bad Religion, Redd Kross, Redd Kross, Ingeborg Bachmann, Nicolas Stemann, Elfriede Jelinek, James Joyce

Danke, Mama! – 30 Jahre Stadion

Meiner eigenen händisch geführten Datenbank nach habe ich bis heute 281 Fußballspiele in 13 verschiedenen Ländern besucht. Wenn ich jetzt so darüber nachdenke, ist das gar nicht mal so wenig und es werden wohl noch einige Spiele und Länder hinzukommen. Das hätte ich mir sicherlich nicht erträumt, als ich zum ersten Mal ein Fußballspiel im Stadion besucht habe, und zwar heute vor 30 Jahren.

Irgendwo fängt jede Geschichte an, und die Geschichte von meinen Stadionbesuchen beginnt am 20. September 1986. An diesem Tag war ich zum ersten Mal im Stadion bei einem Fußballspiel. Es war die Partie des 7. Spieltags der Saison 1986/87 und es standen sich mein Herzensverein FC Bayern München und Borussia Mönchengladbach im Münchner Olympiastadion gegenüber. Der FC Bayern war Tabellenführer und es galt, den Platz an der Sonne zu verteidigen.

An dieser Stelle muss ich gestehen, dass ich jetzt nicht behaupten kann, ich wüsste alles noch so, als sei es gestern gewesen. Ich erinnere mich durchaus an den Tag, aber ich glaube eher so an das Gefühl, als an jedes einzelne Detail. Und einiges habe ich mir auch unter Zuhilfenahme der Fotos aus dem dankbarerweise gut bestückten und organisierten Familienalbum zusammengereimt oder wieder zurückgeholt.

Ausführlich Details zum Spiel gibt es im Archiv des Kicker und bei Fussballdaten.de.

Aber zurück zur meiner Geschichte. Also, nachdem ich am Vormittag noch selbst ein E-Jugendspiel für den Kissinger SC absolviert hatte, fuhren wir mit der Familienkutsche nach München, holten meinen 2 1/2 Jahre älteren Cousin ab und fuhren zum Olympiapark München. Das Auto hatten wir dort auf einem der Parkplätze abgestellt.

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Das Zeltdach über dem Olympiapark und den Olympiaturm hatte ich noch jedes Mal bewundert, wenn auf dem Mittleren Ring daran vorbeigefahren waren, jedoch war es ein tolles Gefühl, nun mit dem Wissen daraufzuzugehen, dieses Mal das Herzstück des Ensembles betreten zu dürfen, das Olympiastadion. Meine Mutter hatte Karten für die Haupttribüne besorgt, die auch damals schon nicht billig waren, aber wenn wir schon einmal da waren, dann gönnten wir uns das natürlich auch. Und dann waren wir drin.

Man kann sehr gut erkennen, dass ich den Anpfiff mit einer Mischung aus Anspannung und Vorfreude erwartete. Trikot hatte ich noch keins, denn diese waren damals einerseits gar nicht so leicht aufzutreiben, soweit ich weiß, eigentlich nur an den mobilen Verkaufsständen um das Stadion herum, und andererseits auch nicht billig, glaube ich. Aber im darauffolgenden Jahre 1987 feierten wir meinen Geburtstag im Olympiapark und da bekam ich dann auch mein erstes Bayerntrikot geschenkt.

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Aber vor dem Spiel mussten sich die Spieler natürlich erst einmal aufwärmen. Ich habe, ehrlich gesagt, keine Ahnung mehr, warum dieser Corso von BMWs auf der Tartanbahn kreiste, aber das war ja irgendwie auch egal. Von unseren Plätzen konnte man sehr gut auf die Südkurve sehen, wo sich seit jeher die treuesten und lautstärksten Fans des FC Bayern versammelten und ihre Mannschaft unterstützten. Es sollte aber noch einmal fast 5 Jahre dauern, bis ich dort einmal wiederfinden würde.

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Beim Einlauf der Mannschaften wurde die Fahnen kräftig geschwenkt und die innere Anspannung stieg enorm. Kapitän Klaus Augenthaler führte die Mannschaft aufs Feld, unter anderem mit meinem damaligen Lieblingsspieler und Helden Lothar Matthäus in der Startelf. Soweit ich mich erinnern kann, gab es damals unter uns fußballbegeisterten Jungs zwei Schulen, was zentrale Mittelfeldspieler. Entweder man vergötterte das Genie des Diego Armando Maradona oder die Dynamik und Wucht des Lothar Matthäus. Bei mir war es letzterer und das ging soweit, dass ich auch so einen Vokuhila haben wollte wie er, und dass mir meine Mutter mal aus einem weißen Adidas T-Shirt mithilfe eines aufgebügelten DFB-Wappens und einer selbst aus Filz ausgeschnittenen Rückennummer 8 mein eigenes Lothar-Matthäus-Trikot gebastelt hatte.

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Die gesamte Aufstellung kann mal auf der Anzeigetafel im Foto unten sehen, aber der Einfachheit halber hier noch einmal ausgeschrieben:

1 Pfaff, 2 Nachtweih, 3 Pflügler, 4 Eder, 5 Augenthaler, 6 Brehme, 7 Wohlfahrt, 8 Matthäus, 9 (Dieter) Hoeneß, 10 (Michael) Rummenigge, 11 Mathy

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Zwei Spielszenen aus der ersten Halbzeit, als die Bayern auf das Tor auf unserer Seite spielten. Wir saßen direkt auf der Verlängerung der Torauslinie. Michael, der “andere” Rummenigge, tritt den Eckstoß rein. Im anderen Foto schlägt Andreas Brehme eine Flanke in den Strafraum. Man sieht, dass das Olympiastadion sehr gut gefüllt war, was damals beileibe keine Selbstverständlichkeit war. Ich war von der Kulisse angemessen beeindruckt.

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An was ich mich noch erinnern kann, war, dass Mittelstürmer Dieter Hoeneß nach einem Kopfballduell im Mittelfeld liegen blieb und behandelt werden musste. Nach einigen sorgenvollen Minuten wurde er gegen Hansi Dorfner ausgewechselt. Aus der Zeitung später erfuhren wir die Diagnose Jochbeinbruch.

Das Spiel ging natürlich weiter. Und dann war der FC Bayern doch noch gegen Ende der ersten Halbzeit durch ein Kopfballtor von Abwehrspieler Hansi Pflügler (45.) nach einer Ecke von Norbert Nachtweih mit 1:0 in Führung gegangen und so ging es einigermaßen guter Dinge in die Halbzeitpause.

Der FC Bayern blieb nach der Pause am Drücker und erhöhte durch einen Doppelschlag von Lothar Matthäus nach einem dynamischen Solo (55.) und Roland Wohlfarth per Kopf nach einer Ecke (58.) auf 3:0. Im Prinzip war das Spiel damit gelaufen, auch wenn Uwe Rahn (68.) noch einmal verkürzte, nachdem er mutterseelen allein auf das Bayerntor zugelaufen war. Kurioserweise erinnere ich mich sehr gut an Uwe Rahn damals, sein weißblondes Haar war kaum zu übersehen, ebenso wie seine Dynamik auf dem Platz. Ich konnte allerdings nicht ahnen, dass er am Ende der Saison Torschützenkönig und Deutschlands Fußballer des Jahres werden würde.

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Bei diesem Foto aus der zweiten Halbzeit weiß ich noch ganz genau, dass ich meine Mutter darum gebeten hatte, ein Foto von Bayerntowwart Jean-Marie Pfaff in Aktion zu machen, den fand ich nämlich total super. Und auch in dieser Szene hält er seinen Kasten sauber.

Und weil das Internet ja manchmal doch ganz nützlich ist, hier ist der Spielbericht aus der Sportschau, den jemand freundlicherweise auf YouTube gestellt hat, auch wenn er sich bei der Betitelung im Endergebnis geirrt hat.

Ich war natürlich überglücklich, ein torreiches Spiel und einen Bayernsieg gesehen zu haben. Das Wetter war fantastisch, das Stadion proppenvoll und die Stimmung wunderbar.

An diesem Tag hatte ich mich nun also noch mehr in den Fußball verliebt, in das Stadionerlebnis. Eine Liebe, die seit nunmehr 30 Jahren besteht und immer weitergeht; sollte nichts dazwischen kommen, gehe ich heute abend zum Heimspiel der Bayern München Amateure gegen die SpVgg Unterhaching in der Hermann-Gerland Kampfbahn.

Vor allem aber hatte ich mich an diesem in das Olympiastadion verliebt. Nicht nur in das ikonische Zeltdach, sondern auch weil es auf ewig der Ort meines ersten Stadionerlebnisses sein wird. Und auch wenn die Arena in Fröttmaning auf vielerlei Weise ein reineres Fußballstadion und in der Logistik durchdachter und praktischer ist, so kann es mir niemals diese Emotionen und Erinnerungen geben, die mir das Olympiastadion gibt. Diese kommen immer hoch, wenn ich dort bin. Heutzutage ist man das ja leider nur zu Konzerte oder solchen Veranstaltungen. Aber dann spüre ich es in meinem Herzen. “Da sind wir damals gegen Gladbach gesesssen, oder hier gegen Uerdingen 1989, oder die Meisterfeier 1987 mit dem dem Abschied von Udo Lattek.”

Und dafür muss ich mich vor allem einem Menschen bedanken: meiner Mama. Sie hat es damals auf sich genommen, uns dorthin zu bringen und sie hat auch mit ihrer Nikon-Spiegelreflex diese tollen Bilder geschossen, so dass ich hier heute in den Erinnerungen schwelgen kann. Und dafür ganz einfach nur:

Danke, Mama!

Epilog: Das nächste Mal, dass ich mit meiner Mama ein Fußballspiel im Stadion besuchen sollte, war passenderweise fast genau auf den Tag 23 Jahre später am 19. September 2009 beim 2:1 Sieg des FC Bayern München gegen den 1. FC Nürnberg, als ich sie in die Allianz Arena mitnahm.

 

Sonntags aus der Sommerpause: OPENart 2016

Die Sommerpause ist nicht nur in diversen europäischen Fußballligen vorbei, auch der Münchner Kunstbetrieb räkelt sich nicht mehr in der Sonne und läutet den Kunstherbst ein. Fast schon traditionell markiert das Wochenende der OPENart den Startschuss dafür. Freitagabend von 18-21 Uhr sind die Openings und dann haben die teilnehmenden Galerien und Institutionen Samstag und Sonntag von 11-18 Uhr geöffnet.

Meine OPENart begann schon am Mittwoch abends, da ein die Braun-Falco-Galerie zu einem Preview von “Felix Weinold – JUNGLE” (bis 30.10.) geladen hatte. Ich habe selber ein Werk von Felix Weinold daheim und hatte ihn auch im Januar zusammen mit dem Galeristen in seinem Atelier in Augsburg besucht. Seine aktuellen malerischen Arbeiten, die auf Pflanzen und Geflechten basieren, teilweise bis zur Abstraktion, fand ich ziemlich gut; jedoch nicht so gut, wie die aus der vorherigen Ausstellung in der Galerie, “Diebstahl verpflichtet II: Pure Beauty” im Jahre 2014, aus der ich eben das oben erwähnte Werk erworben hatte; dennoch ein lustiger Abend, an dem ich mich mit dem Künstler und Freundinnen von ihm verschwätzt habe und mich erst nach 22 Uhr auf den Heimweg machte.

Nachdem ich Freitag und Samstag wegen anderen Terminen verhindert war, machte ich mich also am vergangenen Sonntag bei wunderschönstem spätsommerlichem Wetter auf, um die OPENart zu erkunden.

Weil ich ja eh öfters mal dort bin, begann ich bei der Galerie Klüser, erst im Stammhaus in der Georgenstraße, dann in der Dependance in der Türkenstraße. Die Gruppenausstellung “just black and white” (bis 1.10.) erstreckt sich über beide Galerien und wurde eigentlich bereits im Juni eröffnet, ich war aber noch nicht drin gewesen. Der Titel sagt es, es geht nur um Werke in Schwarz und/oder Weiß. Bei der Betrachtung treten Form und Konzept mehr in den Vordergrund, da der Besucher nicht von Farben abgelenkt oder irritiert wird. Spannendes Konzept, welches aufgeht. Ich fand es auch cool, einfach zu raten, von welchem Künstler nun welches Werk sein mochte, bevor ich die Begleitmappe und Preisliste in die Hand nahm. Einiges habe ich doch erkannt. Am eindrücklichsten fand ich “Matt Black” von Anish Kapoor und “Nebukadnezar” von Gregor Hildebrandt.

Dann von der Türkenstraße kurz rechts in die Theresienstraße gebogen und spontan zu Knust x Kunz, wo der Frankfurter Künstler Naneci Yurdagül unter dem Titel “hier müsste wohl neuer Titel hin” (bis 15.10.) ausstellte. Er setzt sich mit dem Islam bzw. dem arabischen Kulturraum auseinander und ich fand einige seiner Werke durchaus interessant, v.a. die Serie leerer Rahmen mit Pins, die sich mit dem Leben des Propheten Mohammed befasste. Ich schaue sicher nochmal rein, ist ja um die Ecke.

Dann einfach zwei Häuser weiter in den Hof und zum nächsten planmäßigen Ziel in die Barbara Gross Galerie rein. Diese stellte gerade die Münchner Künstlerin Michaela Melían (bis 22.10.) aus, deren Soloaustellung “Electric Ladyland” im Kunstbau des Lenbachhauses ich unlängst auch besucht hatte. Die Künstlerin ist auch ausgebildete Musikerin und ihr gekonnter Einsatz aller möglicher künstlerischen Ausdrucksformer, von Zeichnung und Graphik, über Malerei und Skulptur, bis hin zu Musik und Video, ist interessant und hat auch die intellektuelle Tiefe, die ich persönlich mir von Kunst erhoffe. Diese Ausstellung in der Galerie erstreckt sich von den späten 80er Jahren bis hin zu aktuellen Arbeiten zu “Eletric Ladyland”, mit ihren utopischen Zeichnungen, die wie eine Hommage an Metropolis von Fritz Lang wirken. Auch die selbstentworfenen Briefmarkenbögen mit frühen Zeichnungen fand ich einfach witzig.

Hofeingang

Dann einmal links und wieder rechts weiter die Türkenstraße rauf, spontan durch den obigen kuriosen Hofeingang in der Architekturgalerie rein. Hier stellte Rainer Viertlböck seine Fotoarbeiten zum “Oktoberfest”  (bis 20.9.) aus. Auch sind ein paar Modelle von Achterbahnen aus dem Ingenierbüro Stengel zu sehen, die u.a. den Fünferlooping auf der Wiesn entworfen haben. Am meisten beeindruckt haben mich die Aufnahmen der leeren Zelte. Diese Symmetrie, diese Ruhe. Nichts, aber auch nichts, weist auf das Gewusel, Getümmel und Gelage hin, was dort vorherrscht.

Dann wieder ein planmäßiges Ziel angesteuert, die Galerie Thomas und Galerie Thomas Modern, die sich die großzügigen Räumlichkeiten teilen und wo zweitere eine Ausgründung ersterer ist, nicht unähnlich zu Klüser. Zuerst habe ich mir die “Peter Halley – SAW”(bis 5.11.) angeschaut, mir war das Oeuvre aber zu neon, also grell in den Farben. Nicht so mein Ding. Dann noch den einen Raum “Figur” (bis 15.10.) mit Werken der klassischen Moderne und des deutschen Expressionismus. Die eine Lithographie von Otto Dix war sogar halbwegs erschwinglich. Einen Dix für die Sammlung? Hmm.

Dann etwas am Altstadtring entlang, über die Ludwigstraße und den Odeonsplatz, wo gerade das Streetlife-Festival stattfand, in die Maximilianstraße rein. Dort war mein erster Stopp die  Galerie Fred Jahn, wo Friedrich G. Scheuer (bis 8.10.), ein in Oberbayern verwurzelter Künstler, ausgestellt wurde. Er arbeitet eher abstrakt mit einer reichen Farbpalette, wobei ich persönlich immer das Gefühl hatte, die Farbenvielflt stünden seiner Komposition und deren Formen im Weg. Macht sich bestimmt gut an der Wand, aber halt nicht an meiner.

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Dann ging es an den Blumen des Bösen vorbei hinab ins Maximiliansforum, wo derzeit eine Serie von Hommagen in vier Teilen an das richtungsweisende Environment “zeige deine Wunde” von Joseph Beuys stattfindet, das an dieser Stelle erstmals von den Galerie Schellmann-Klüser (Klüser? Genau, der Klüser von oben.) der Öffentlichkeit präsentiert und später vom Lenbachhaus angekauft wurde. Zur Zeit läuft “zeige deine Wunde 2016 / Teil 2 – Das Environment” (bis 25.9.), wo die Künstlerinnen Heidi Mühlschlegel mit “Freibad Brotland” und Gözde Ilkin mit “Stained Estate I-III” jeweils eine installative Arbeit in den gegenüberliegenden Räumen gestaltet haben. Ich glaube, von Heidi Mühlschlegel hat mir die degenerierte Bundesadlerskulpturcollage “Brotland” am besten gefallen. Und die Videoinstallation “Stained Estate I-III” von Gözde Ilkin über die Zerstörung urbaner Strukturen in Istanbul macht betroffen.

Auf der anderen Seite wieder aus der Unterführung wieder aufgetaucht, ging es auf der Maximilianstraße weiter auf das Maximilianeum zu, doch anstatt die Isar zu queren, bog ich links an der Ecke ins Kunstfoyer der Versicherungskammer Bayern (bis 11.9.), wo die Ausstellung “Werner Bischof – Standpunkt” gerade ihren letzten Tag hatte. Der ausgebildete Schweizer Kunstfotograf wurde u.a. für seine Bilder bekannt, in denen er das Nachkriegseuropa in den Jahren 1945-1951 dokumentierte, bevor er dann als Magnum-Fotograf in den Jahren bis zu seinem allzufrühen Tod im Jahre 1954 Asien und Nord- und Südamerika bereiste und dokumentierte. Die Bilder vom Nachkriegselend wirken in großen Teilen aktuell wie nie, und es scheint schier unfassbar, wie 70 Jahre danach die Nachfahren in diesen Ländern dieses verdrängt haben. Die Bilder von Geflüchteten in Camps und an Grenzen heute ähneln diesen so sehr. Dieses Bild vom Berliner Reichstag 1946 fand ich unglaublich stark in seiner Symbolik. Mein Lieblingsbild aber war “Iglesias, Sardinien, Italien, 1950”:

Iglesias, Sardinien, Italien, 1951

Danach flanierte ich wieder die Maximilianstraße in Richtung Stadtmitte und so langsam machte sich auch Hunger bemerkbar. Am Max-Joseph-Platz sinnierte ich kurz über zwei Kulturinstitutionen, die noch in der Sommerpause waren.

Zurück zum Magenknurren. Es war nämlich gut, dass der Lanne auf dem Streetlife am Stand der Biometzgerei Pichler direkt vor der Feldherrnhalle grillte, wo ich mir dann a Käskrainer in der Semmel gönnte.

So gestärkt machte ich mich dann wieder auf den Rückweg die Ludwigstraße rauf und bog spontan in die  Galerie Sabine Knust, wo eine Ausstellung über Fotografien aus dem Umfeld des “Black Mountain College” (bis 22.10.) lief, das u.a. durch die dortige Lehrtätigkeit von Josef Albers bekannt wurde, mehr dazu hier. Bevor ich mich umschauen konnte, begrüßte mich eine mir über einen Künstlerfreund bekannte Galeristin, die eben diesen Freund vertritt. Da sie eigentlich in Hauzenberg in Niederbayern tätig ist, war das eine nette Überraschung mit einem freundlichen Schwätzchen. Die hauptsächlich schwarz-weißen Fotos sind sehr unterschiedlich, je nach dem Künstler, aber manche, die sehr abstrakt waren, wirkten fast wie Graphik, fand ich spannend.

Dann ging es zum letzten geplant Stopp bei mir um die Ecke, der Walter Storms Galerie, was sich als ebenso spannend wie passend rausstellte. Dort wurden Cordy Ryman (bis 22.10.) und Rainer Leist mit seinem Fotoprojekt “Window” (bis 22.10.) ausgestellt. Cory Rymans Arbeiten, in denen er Holz, v.a. als Baumaterial verwendetes, bemalt, fand ich ganz in Ordnung, die Dreidimensionalität hatte schon was, aber hat mich jetzt auch nicht umgehauen. Rainer Leists “Window” hingegen hat mich auf den zweiten Blick extrem fasziniert. Seit März 1995 fotografiert er denselben Blick aus seinem Apartment in Manhattan mit derselben Kamera. Es ist sehr spannend zu sehen, wie das Wetter und das Licht Einfluß auf ein und dieselbe Szenerie nehmen (einfach mal die Bilder hier durchklicken). Was mich aber just an diesem Tag besonders berührte, war, dass unter den berühmten Gebäuden, die zu sehen waren, in der Ferne das World Trade Center deutlich zu sehen war. Und so dokumentierte diese Fotoserie zufällig eine einschneidende Veränderung in der Skyline, der amerikanischen Gesellschaft und Geschichte. Auf den Tag genau 15 Jahre danach stand ich vor diesem Werk. Ich glaube, ich gehe noch einmal rüber und schaue mir das nochmal so richtig in Ruhe an. Ich war ja nun schon fast vier Stunden unterwegs gewesen.

Und so kam fast rechtzeitig zum Anpfiff des Spiels vom FC Augsburg bei Werder Bremen heim und ruhte mich dann vor dem Fernseher aus. Und zu meiner Freude gewannen meine Augsburger auch noch mit 2:1.

Die Sommerpause ist wohl vorbei.

 

Der ineffizienteste Cooldown

Ich hatte die Probe fertig poliert und schritt mit Laborbuch und Probenbehälter durch die Flure des LRSM. Schließlich wollten wir ja die PPMS möglichst bald runterkühlen und meine Meßreihe beginnen. Mein letztes Jahr im College hatte gerade begonnen und diese Messungen sollten die Basis für meine freiwillige Senior Honors Thesis legen.

Als ich am Sekretariat vorbeikam, wunderte ich mich, warum so viele Leute vormittags denn einen Film auf einem Fernseher guckten. Und dann noch irgend so einen Katastrophenfilm. Mussten die nicht auch arbeiten wie ich? Nach dem ich schon ein paar Schritte am Sekretariat vorbei war, hielt ich inne. Komisch. Vielleicht mal nachschauen, warum alle da rumstanden. Also stellte ich mich in den Türrahmen und blickte genauer auf den Fernseher. Das war kein Film. Das waren Nachrichten. Live.

Keine Ahnung, wie lange ich im Türrahmen stand. Irgendwann hatte ich Walnut Street wieder überquert und war zurück in unserem Labor in DRL. Probe und Laborbuch abgelegt, sofort rauf zum Büro von Jay. Er wusste es auch schon und war frenetisch damit beschäftigt, seine Freunde in New York telefonisch zu erreichen. Er war in der Nähe aufgewachsen.

Ich ging zurück in unser kleines Büro und setzte mich an den Rechner. Zeit vertreiben, eventuell etwas rausfinden. Das Internet funktionierte eher leidlich. Irgendwann kam Jay runter. Was machen wir jetzt? Erstmal etwas zu Mittag essen, irgendwie im Kopf klar werden. Steve, der Doktorand, hatte nach dem wirklich anstregenden Sommer im Labor eine Woche frei, also waren es nur Jay und ich. Wir saßen am Tisch bei den Food Trucks und diskutierten. Was war sicher? Das vierte Flugzeug über Pennsylvania. War Philly das Ziel? In einen Zug steigen und aufs Land rausfahren? Oder weitermachen?

Zurück im Labor. PPMS runterkühlen. NPR hören. Fragen über Fragen. Keine Antworten. Gegenseitige Ermahnungen zur Geduld. Es würde Wochen oder Monate dauern, bis wir Antworten auf diese Fragen kriegen, hörte ich mich sagen.

Nie zuvor und danach nie wieder haben wir so viel flüssiges Helium verbraucht, um die PPMS runterzukühlen, wie an diesem Tag.

Es war der ineffizienteste Cooldown.

#12von12 im Juni: The Hangover

Am Vorabend des 12. Juni war ich auf der Hochzeit eines Freundes in Iffeldorf am südlichen Ende der Osterseen, die gleichermaßen feucht wie fröhlich begangen wurde. Die letzte Gruppe von uns Feierbiestern war erst in der Morgendämmerung zu Bett gegangen. Beim Erwachen im Hotelzimmer im Landgasthof Osterseen schlaf- und anderweitig trunken recht spontan entschieden, mal wieder bei #12von12 mitzumachen.

First things first: Hat jemand die Nummer von dem Lastwagen gesehen, der mir gestern durch den Schädel gefahren ist?

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Kurz geduscht, frisch gemacht und ran ans Frühstücksbuffet. Ein herzhaftes Katerfrühstück aus Rührei, Salami-Käse-Semmel und Cappuccino zu mir genommen.

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Auf der Terrasse des Hotelrestaurants gab es den selben schönen Blick auf die Osterseen, der mich am Vortag auch schon erfreut hatte.

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Dankenswerterweise konnte ich auf dem Rücksitz mit zurück nach München fahren, ich befand definitiv nicht in einem Zustand, um ein Kraftfahrzeug zu bedienen; dass ich sowieso keins besitze, sei hier mal außen vor gelassen.

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Daheim. Was von der Hochzeit übrig blieb.

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Dann erstmal kurz zu einem Nickerchen hingelegt und liegengeblieben, um mir mein erstes Spiel bei der Europameisterschaft anzuschauen. Kroatien schlug die für mich unerwartet schwache Türkei mit 1:0.

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Nach Spielende bin ich kurz vor die Haustür und habe mich auf einen Spaziergang quer durchs Museumsareal begeben. Wie eigentlich fast immer führte dieser quer über die Wiese hinter der Alten Pinakothek.

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Mein Ziel war die Packstation an der TU Mensa, wo seit gestern das neue festivaltaugliche Zelt für Wacken auf mich wartete.

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Dann ein bisschen aufgeräumt und mich mit einem vorläufigen Abendessen aus Chips mit Kräutergeschmack und einem Drunken Sailor von Crew Republic im Sessel niedergelassen, um das Spiel zwischen den deutschen Gruppengegner Polen und Nordirland zu schauen, das die favorisieten Polen knapp, aber hochverdient mit 1:0 gewannen. Leider wurde der vielbesungene Will Griggs nicht eingewechselt.

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Danach kurz den Sender und die Sportart gewechselt, um mir den Anfang des Formel 1 Grand Prix im kanadischen Montreal anzuschauen. Ich war bereits für das Spiel des Marketingskonstrukts des Deutschen Fußballbundes gegen die Ukraine eingekleidet. Kein Fußball den Faschisten!

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Dann habe ich mich mal kurz auf den Balkon rausbegeben. Der Abendhimmel über dem Univiertel war mal wieder a Schau. Ich habe mich nach sieben Jahren in dieser Wohnung nicht an diesem Ausblick sattgesehen und werde es wohl auch nie; er überrascht mich immer wieder neu.

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Dann in charmanter Gesellschaft das 2:0 des DFB-Marketingkonstrukts über die Ukraine gesehen, begleitet von starker Müdigkeit. What a tangled web Boateng weaves! Fast sofort danach eingeschlafen.

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Weniger amateurhafte Implementationen von #12von12 als meine hier gibt es wie immer bei Draußen nur Kännchen!.

#12von12 im April, oder: Dresden Day(s).

Nach meinem Debüt im März hat es mir auch im April gut reingepasst, wieder bei #12von12 mitzumachen.

Zu Tagesbeginn wurde ich beim Aufwachen zuhause ein wenig davon überrascht, dass es regnete, aber immerhin zeichnete sich beim Blick aus dem Dachfenster ein güldener Streif am Horizont ab. Da mich auch seit dem Frühlingseinbruch in der vorigen Woche die Histamine fest in ihren Klauen, war auch der Regen im übertragenen Sinne ein güldener Streif am Heuschnupfenhorizont.

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Nachdem ich mich frisch gemacht hatte, ging es zur Boulangerie Dompierre um die Ecke, um Reiseproviant zu erstehen, es wurde ein Brioche mit Rosinen und ein halbes Classique mit Rillette de Canard. Nachdem das Ladengeschäft, in dem sich die Filiale befindet, in den vorigen Jahren eher durch wechselnde Pächter und mehr schlecht als recht funktionierende Konzepte (drölfzigste Bäckerei, Sandwichladen, Cafe) hevorgetan hatte, ist mit der Boulangerie Dompierre willkommene Qualität und Konstanz eingekehrt.

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Dann ging es mit der Tram zum Stachus, und zu Fuß geschwind zum Hauptbahnhof, um die Reise nach Dresden zu beginnen. Die Reise ist privater Natur, mein Künstlerfreund Michael aus München, veranstaltet dort am heutigen Mittwoch eine von ihm konzipierte konzertante Lesung, in der er zusammen mit neuer Musik der Komponisten Reiko Füting und Nikolaus Brass abermals die Geschichte “Caliban über Setebos” von Arno Schmidt bearbeitet. Diese ist bereits die dritte Entwicklungsstufe von “Saengers Phall” nach München im September 2014 und New York im Oktober 2015 und ich finde es ein sehr spannendes Projekt. Also nahm ich dies zum Anlass, mir auch einmal Dresden anzuschauen, da ich noch nie dort gewesen war. Von Gleis 15 fuhren wir ab.

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Auf der Zugfahrt hatte ich mit meinen Mitreisenden im Ruhebereich Glück und ich konnte meine Lektüre von James Joyces “Finnegans Wake” fortsetzen. Dabei stieß ich im Kapitel II.1 auf folgenden phänomenalen Satz: “Was liffe worth leaving?” Es ist unfassbar, wie man mit vier Worten soviel Klang und Bedeutung erzeugen kann. Ich war wie weggeblasen. Life, the River Liffey and Everything.

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Die Zugfahrt bis zum Umstieg in Leipzig verlief pünktlich und ereignislos und ich wurde dort auch von der Sonne begrüßt. Leider verließen wir Leipzig mit einer Verspätung von 25 Minuten, da es wohl einen Böschungsbrand an der Zugstrecke gegeben hatte, der erst noch gelöscht werden musste.

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Mit besagten 25 Minuten Verspätung traf ich dann am Dresdner Hauptbahnhof ein, über dem auch die Sonne lachte, was den viertelstündigen Fußweg zur Herberge sicherlich erleichterte. Wobei diese Fußgängerzone mit den aneinandergereihten Einkaufsketten jetzt nicht der Stadtplanerweisheit letzter Schluß sein muss.

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Nachdem ich in meinem altstadtnahen Hotel eingecheckt hatte, beschloß ich eine erste Runde Besichtigungen anzugehen und brach zu Fuß auf. Zuerst ging es um die Ecke zur Kreuzkirche, die von außen noch in altem barocken Glanz, äh, erstrahlt, innen aber schlicht ist. Von größerem Interesse waren für mich die knappen Informationstafel zu ihrere Geschichte, vor allem die des Dresdner Kreuzchors, hatte doch der heutige Mann meiner Cousine einst dort gesungen. Nicht nur das, meine Mutter hatte bereits bei ihrem Besuch in Dresden entdeckt, dass er auf dem Beispielbild auf ebenjenen Informationstafeln zufälligerweise zu sehen ist, und auch ich habe sein Knabenkonterfei schnell entdeckt.

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Dann ging es weiter zur Frauenkirche, deren fürs Barock eher schlicht ausgestatteter Bau durchaus zu gefallen weiß, aber natürlich jemanden, der aus dem katholischen Bayern kommt und zudem erst unlängst die barocken Wunder von Rom begutachten konnte, nicht wirklich überwältigt. Aber kleidsam fürs Stadtbild ist sie allemal.

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Danach spazierte ich über die Bährsche Terrasse, den Theaterplatz und den Postplatz zurück zu meinem Hotel und kaufte im angeschlossenen Einkaufszentrum noch etwas Zimmerproviant ein. Dabei gelang es mir, im ersten Anlauf knallhart am anvisierten Discounter vorbeizulaufen, weil ich wie selbstverständlich nach dem Logo von dessen südlichen Pendant Ausschau gehalten hatte. Dann kurz ausgeruht, mit etwas Brotzeit gestärkt und auf ins Abendprogramm. Leider wurde in der Semperoper an diesem Abend nichts gegeben, aber ich wollte ihr dennoch einen kleinen Besuch abstatten.

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No Oper, no cry, und so hatte ich mir im Vorfeld eine Karte fürs Staatsschauspiel besorgt, um dort dem notorischen Prinzen von Dänemark meine Aufmerksamkeit zu schenken.

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Zur Pause war ich mir noch nicht sicher, was ich von der Inszenierung halten sollte; an sich fand ich die Idee eines Tributekonzerts mit der Band des Hauptdarstellers als Stück im Stück ziemlich clever, war mir aber nicht sicher, ob das Stück nicht in der Auflösung auseinanderkippen würde. Aber über die Pausenaussicht vor der Tür hasch jetzt net maula könna, der Zwingr isch gloi nebadran, woisch.

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Schlußendlich fand ich das Stück gut, aber die Ideen von Regisseur Roger Vontobel stehen und fallen mit der starken Leistung seines Hauptdarstellers Christian Friedel, nicht nur wegen der prominenten Rolle seiner Band. Dabei wurde mir auch wieder bewusst, was für unfassbar starke Ensembles wir zur Zeit an den Münchner Theatern haben. Denn ich ertappte mich während der Vorstellung immer mal wieder dabei, mir vorzustellen, wie es wäre, wäre die eine oder andere Rolle mit einem der mir aus München bekannten Schauspieler besetzt. Dennoch ein gelungener Theaterabend. All dies besprach ich bei einem kleinen Absacker in der Planwirtschaft in der Dresdner Neustadt mit Michael, der sich dort nach einem langen Tag der Proben für “Saengers Phall” an Speis und Trank labte.

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Dann mit der Tram zurück ins Hotel und gschwind ins Bett, denn der heutige Tag steht prallvoll und ganz im Zeichen der kulturellen Erkundung, vom Grüne Gewölbe zu Saengers Phall.

Wer erkunden will, wie die Profis das mit #12von12 machen, schaut am besten bei Draußen nur Kännchen! und der dort beinhalteten Liste nach.

#balkansammy oder: Das verwunschene Land

Grau. Wie am Himmel so auf der Erden. Ich würde von meiner Ankuft in Zagreb bis zu meinem Abflug aus Belgrad kein einziges Mal die Sonne sehen, aber das wusste ich noch nicht, als ich letzten Dezember in den Flieger stieg, um meine kleine Balkantour zu machen.

Schon im Vorfeld der Reise war ich kurz stutzig geworden, was sich schnell wieder in Neugier wandelte. Ich war in den Tagen kurz vor meiner Abreise noch schnell in den Hugendubel am Stachus geschlüpft, um mir je einen kleinen Reiseführer für Zagreb und Belgrad zuzulegen, da ich für eine Bestellung zu spät dran war. Ich schlich ohne Geldbeutelerleichterung von dannen, denn es stellte sich heraus, dass es für Kroatien ausschließlich Reiseführer für die Küste oder für ganz Kroatien gab und ich nicht für 30 Seiten Zagreb einen 350-seitigen Klotz kaufen wollte; und für Serbien gab es schlichtweg überhaupt keinen Reiseführer. Das könnte nun also interessant werden. Also lud ich mir ein paar Apps mit Tipps und Stadtkarten auf mein Handy und packte meinen Koffer.

Warum ich überhaupt auf die Idee für diese Reise gekommen bin? Darum:

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Die Spiele fanden an aufeinanderfolgenden Abenden statt und die Tatsache, dass Zagreb und Belgrad nur ca. 400 km Luftlinie voneinander entfernt lagen, machten die Reise sehr verlockend. Also, Flieger gebucht, Koffer gepackt und ab.

Dienstag, der 8. Dezember 2015

Zuerst flog ich mit Lufthansa von München nach Zagreb, wobei ich von meinem Fensterplatz aus ein paar wunderschöne Blicke auf den Chiemsee und die Alpen im gleißenden Sonnenlicht erheischen konnte, schön, wie die Insel Frauenchiemsee da liegt.

Dann tauchten wir durch die Wolkendecke ab und ich war in einem anderen Land, die Farbpalette schien zu ermatten und sich zu trüben. Nach der geschmeidigen Landung nahm ich meinen Koffer vom Band und den Bus in die Stadt. Der Busbahnhof von Zagreb passte sich architektonisch dem grauen Himmel an. Nach der Ankunft ging ich zum Schalter, um mein bereits online erworbenes Busticket für die Weiterfahrt abzuholen, wo ich doch gerade schon einmal da war, dann musste ich das später auch nicht mehr machen.

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Nach einer kurzen Fahrt mit der Tram kam ich dann auch im Art Hote Like an, dass relativ zentral nahe der Altstadt lag, gleichwohl es ganz idyllisch über einem Supermarkt situiert war. Aber es war eine angenehme Unterkunft für die nächsten zwei Nächte. Also, kurz etwas Verpflegung eingekauft, frisch gemacht und dann auf in die Altstadt von Zagreb, um ein bisschen zu erkunden. Es wäre vermutlich besser gewesen, ich hätte einen Stadtplan mitgenommen, er war ja nicht so, dass ich mir bei Tourist Information am Busbahnhof keinen geholt bzw. an der Hotelrezeption ausgehändigt bekommen hatte. Als ich es bemerkte, war es zu spät, umzudrehen, also mäanderte ich improvisierend mit etwas Unterstützung von Google Maps, durch die Altstadt von Zagreb. Ich fing bei der neogothischen Kathedrale von Zagreb an, deren Innenbesichtigung eher eine kurze Andacht wurde, da ein Gottesdienst im Gange war. Danach schlängelte mich nach grober Richtung und frei nach Schnauze durch die Altstadt, bewunderte dabei die schönen adventlichen Lichterdekorationen, die sich auch je nach Teil der Altstadt änderten und Akzente setzten.

Dann stieg ich ein paar Holztreppen hinauf auf eine Anhöhe, um einen Blick über die Stadt zu erhaschen. Als ich dort alleine ein paar Minuten verweilte, manifestierten sich in mir ein paar Gedanken:

Es war mir schon unten in den Straßen aufgefallen, dass nicht wenige der Fassaden, auch die durchaus schön verzierten, nicht im besten Zustand waren und dass in vielen Fenstern dieser kein Licht brannte, was diese verlassen anmuten ließ. Ebenso wie die Tatsachen, dass um halb sechs Uhr an einem Dienstagabend nicht mehr so viele Leute in der Innenstadt zum Einkaufen unterwegs waren. Diejenigen, die noch woanders arbeiteten, waren noch nicht wieder in ihren Wohnungen zuhause und die Kneipengäste waren noch nicht wirklich da. Und so entstand der Eindruck einer Stadt, aus der die Menschen plötzlich verschwunden waren, als läge ein böser Fluch über ihr; und die Menschen würden erst zurückkehren, wenn dieser gebannt war. Zudem erschienen die Fassaden im fahlen gelben Licht der Laternen alle eben in diesem gelben Licht, als gäbe es nur Schattierungen dieser gelblichen Fassaden, manche heller, manche dunkler. Und von oben betrachtet war es genauso unheimlich, wenn nicht sogar noch unheimlicher.

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Ich stieg wieder hinab, um den Eindruck irgendwie abzuschütteln und ging in die entgegengesetzte Richtung von der Tkavelica weg, in Richtung der St. Markus Kirche, die sich als von vielen Regierungsgebäuden umgeben erwiese. Ich erhaschte dort auch einen Blick und wandte mich wieder gen belebterer Innenstadt. Als ich nicht weit von der Kirche um eine Ecke bog, stand ich vor einem Plakat, das mich neugierig machte, es bewarb das Museum of Broken Relationships, was sich an ebenjener Ecke befand. Wie es der Zufall wollte, war es noch geöffnet und ich entschied mich spontan, es zu erkunden, um dem Namen und dem Konzept auf die Spur zu kommen. Im Prinzip geht es darum, dass dortige Exponate für Menschen wie du und ich mit eine verflossenen Beziehung signifizieren, meistens eine Partnerschaft, manchmal auch die Beziehung zu den Eltern oder eine Freundschaft. Jeder, der ein solches Objekt einreicht, beschreibt mal kurz, mal lang die Geschichte zu dieser Beziehung oder einfach nur, was er sich davon erhofft, sich dieses Objekts zu entledigen und es auszustellen. Für manche Einreicher scheint es eine richtige Katharsis zu sein. Am meisten hat mir der traurige Snoopy aus Plüsch berührt, nicht zuletzt da er das Ende einer über 30-jährigen Beziehung symbolisierte, sondern auch weil ich als Kind mal einen ähnliches Plüschtier besaß. Dann mochte ich auch den “Toaster of Vindication”, wegen des Namens und der Beschreibung. Das Museum ist nicht, wie der Name vermuten lassen würde, traurig machend, vielmehr ist es berührend und auch unterhaltsam. Wer in Zagreb ist, dem sei ein Besuch empfohlen. Es gibt auch die ein oder andere Wanderausstellung, einfach auf die Website schauen. Und wer eine verflossene Beziehung exorzieren will, kann dort jeder Zeit auch selbst ein Exponat einreichen.

Danach war ich aber nun endgültig hungrig und begab mich zu dem heimeligen Restaurant La Štruk, dass sich auf Strukli spezialisiert hat. Strukli ist eine Art Strudel, die in der kroatischen und slowenischen Küche zu finden ist. Der Teig wird mit Käse überbacken und das Gericht ist äußerst sättigend. Ich entschied mich für die herzhafte Version Zapečeni Štrukli Tartufi (Gebackener Strudel mit weißem Trüffel) und genoß mein kleines Dinner for One.

Danach ging ich wohlgesättigt wieder zur Tkalčićeva, der nach den Bars und Restaurants zu urteilen, Hauptstraße der Altstadt, zurück, wo mir auffiel, dass in vielen Kneipen Fußball geschaut wurde. Darauf hin suchte ich mir einen Platz, um mir Wolfsburg – Manchester United anzuschauen, welches 3:2 für die Heimmannschaft endete. Danach ging ich ins Hotel zurück, verarbeitete die Eindrücke des Tages noch bei einem Absackerbier und gab mich dann der Nachtruhe hin.

Mittwoch, der 9. Dezember 2015

Nach diesem romantischen Frühstück machte ich mich nun also auf, die Stadt auch im Hellen zu erkunden. Ich ging über der Dolac-Markt, der sich mit seinen Gerüchen und Viktualien verführerisch gab, abermals zur Kathedrale, wo die Innenbesichtung wieder an einem stattfindenden Gottesdienst scheiterte. Zumindest konnte ich in der Nähe der Kathedrale Mitbringsel einkaufen und für mich selber einen Spielschal als Memento erwerben. Dann ging ich weiter zum Kamenita vrata (Steintor), einem der alten Stadttore Zagrebs. Dort ist neben dem Weg der Gasse, die durch das Tor führt, eine Kapelle eingerichtet, wo man das Marienbild über dem Altar anbeten kann. Links im Bild sieht man die Kapellenbänke ein bisschen hervorlugen. Das dortige Bild hat im Jahre 1731 wie durch ein Wunder ein großes Feuer in der Stadt unversehrt überstanden und wird seitdem wird es immer wieder um Schutz ersuchend angebetet.

Ich stieg auch nochmal zu dem Ausblickspunkt des Vorabends hinauf, um einen Eindruck bei Tageslicht zu gewinnen. Trotz der Helligkeit hing der Nebel immer noch über der Stadt, ein nicht verklingen wollender Nachhall des Fluchs, eine stetige Frage, ob dieses Land nicht wirklich verwunschen sei und wie man es erlösen könnte.

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Danach begab ich mich wieder ins Stadtzentrum, um zu sehen, ob schon die ersten busreisenden Bayernfans am Treffpunkt angekommen waren. Nachdem ich nur versprengte Grüppchen der unsympathischeren Art antraf, lief ich weiter in Richtung Bahnhof, wo mir einige schönen Fassaden aus glorreicherer (sprich: k.u.k) Zeit begegneten, von denen viele leider nicht in einem guten Zustand waren. Aber wie auch, wenn sie zu Kommunismuszeiten vernachlässigt wurden und das Land danach von einem Bürgerkrieg heimgesucht wurde? Da hat die Bevölkerung nun wirklich andere, dringendere Probleme als die Restaurierung von Fassaden.

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Und dann steuerte ich mein eigentliches Ziel an, die Moderna Galerija, die größte Sammlung kroatischer Kunst, die vom 19. Jahrhundert bis heute reicht. Auch hier begegnet man in der chronologisch aufgebauten Dauerausstellung zunächst der Zeit, als Kroatien noch zu Österreich-Ungarn gehört, was ich u.a. auch darin niederschlägt, dass damals nicht wenige Künstler aus der Region deutschsprachige Namen trugen. Es ist jetzt nicht so, dass die dort ausgestellten Künstler sich nicht an den Strömungen ihrer Zeit orientiert hätten, aber mir gefällt es immer wieder, einfach so gut wie keine Namen der Künstler zu kennen und ihre Werke somit vielleicht ein wenig unvoreingenommer betrachten zu können. Man sieht durchaus auch regionale Ausprägungen, gerade bei Darstellungen einfacher Leute oder Bürger und gerade bei Werken aus dem 20. Jahrhundert lässt sich doch der ein oder andere Hinweis auf die politische Lage der Zeit, in der das jeweilige Werk entstand, erkennen, sei es nun der Kommunismus unter Tito, der 2. Weltkrieg oder der Bürgerkrieg. Manchmal eben auch durch das, was aus politischen Gründen nicht dargestellt wurde bzw. werden durfte. Kunst ist doch auch immer eine wertvolle Brille, durch die eine Region und ihre Geschichte betrachtet werden kann. Ich kaufte mir eine kleine Broschüre zur Dauerausstellung, um mir v.a. die Namen der Künstler für mögliche zukünftige Begegnungen zu merken, wobei mir auch meine Notizen auf dem Handy helfen sollen. Eine besonders clevere kuratorische Idee soll hier auf jeden Fall noch Erwähnung finden; ich fand den Stahlträger als Raumteiler und Sockel für Skulpturen, der sich über 2 1/2 Räume der Dauerausstellung erstreckte, ziemlich klasse. Da ich mir nicht sicher war, ob Fotografieren im Museum erlaubt war, habe ich mich sehr zurückgehalten und eher heimlich diese beiden Fotos gemacht, das Werk rechts ist “ULTRA A” von Miroslav Šutej aus dem Jahre 1965.

Danach kehrte ich im Ribice kod Mimice ein, um die (leckere) kroatische Version von Fish & Chips als schnelles Mittagsmahl zu verspeisen, wobei ich hier noch hinzufügen sollte, dass es auch andere Sorten Fisch zur Auswahl gab. Wäre ich noch etwas länger in Zagreb geblieben, hätte ich diese sicher auch probiert. Dann halt beim nächsten Mal.

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Dann besorgte ich noch Proviant für die Busfahrt am nächsten Tag, nicht im Supermarkt unter dem Hotel (siehe: Stromausfall am Morgen), sondern etwas weiter weg in einem Konzum, ruhte mich kurz im Hotel aus und machte mich stadionfein, bis dann endlich die Spezln mit ihren Bussen da waren. Diese waren recht hungrig, also suchten wir nochmal ein Lokal in der Altstadt auf, wo diese sich nun endlich stärken konnten. Danach gingen wir zum Treffpunkt, trafen kurz weitere Bekannte, bevor wir dann spontan beschlossen, doch auf dem Fanmarsch zum Stadion mitzugehen, was gute Stimmung und schöne Bilder hevorbrachte. Viele Bewohner von Zagreb kamen an ihre Büro- oder Wohnungsfenster, um dem Spektakel beizuwohnen und es schien ihnen durchaus zu gefallen, zumindest nach den Reaktionen, denen ich gewahr wurde.

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Nach einer Weile wurde der Fanmarsch ein wenig fad, da wir uns auf einer größeren Straße mit aneinandergereihten Wohnblöcken befanden und so beschlossen meine Spezl und ich, dass wir irgendwo noch auf ein Bier einkehren würden, was wir dann auch taten. Danach gingen wir zu Fuß weiter zum Stadion Maksimir und ich versuchte auf dem Busparkplatz dort, letztlich vergeblich, einen der Schals im Retrodesign zu erwerben, die nur beim Spiel in Zagreb verkauft wurden und die im Block als eine Art Choreo präsentiert werden sollten. Wie sich später rausstellte, war genau der Fanbus, mit dem die Kisten voller Schals transportiert worden, nicht nur massiv verspätet, sondern auch von der örtlichen Polizei auf irgendeinen weiter vom Stadion entfernten Parkplatz geleitet worden, was den Verkauf vor Ort unmöglich machte. Dankenswerterweise konnte mir ein guter Freund auf der Rückfahrt einen Schal aus seinem Bus sichern.

Danach ging es dann problemlos ins Stadion rein. Wir positionierten uns recht mittig unter der Anzeigentafel in der Kurve für die Gästefans. Jede der Tribünen des Stadions scheint in einer anderen Ausbauphase stecken geblieben zu sein. Die Tribüne der Heimfans gegenüber, sowie die Haupttribüne links sind jeweils zumindest schon aufs zweite Level ausgebaut, was für die Gegengerade nicht zutrifft. Die Kurve der Gästefans hingegen ist noch rund und verweist daraufhin, dass die Rasenfläche früher von einer Laufbahn umgeben wurde. Charmant fand ich den Ansatz, die Gästekurve einfach nach Gusto mit jeglichen noch vorhandenen und funktionsfähigen Sitzschalen zu bestücken, jenseits von Konsistenz und Nummerierung. Genauso wie die Flutlichtmasten links hinten im Bild, der aufgrund des Gebäudes in der entsprechenden Ecke näher am Spielfeld stehen muss und aus Gründen der gleichmäßigen Ausleuchtung des Spielfelds nicht nur kürzer ist als seine drei Kameraden, sondern auch vor der Tribüne steht, anstatt daneben.

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Die Stimmung unter den Bayernfans war gut und die Mannschaft wurde ordentlich untertützt. Leider kamen wir nicht in den Genuß eines leidenschaftlichen Supports von Seiten der Heimfans, da die größte Gruppe, die Bad Boys Blue, im Clinch mit dem wohl korrupten Präsidenten von Dinamo Zagreb liegt und somit das Spiel boykottierte. Schade. Vielleicht ergibt sich ja noch einmal die Chance, diese in Aktion zu erleben. Das Spiel selber war nicht sonderlich spektakulär. Nachdem Bayern bereits als Gruppensieger feststand, kamen einige Spieler aus der zweiten Reihe zum Einsatz. Es gab zwar Chancen hüben wie drüben, doch Bayern gewann schlußendlich hochverdient durch einen Doppelschlag von Robert Lewandowski mit 2:0 und konnte es locker verkraften, dass der sonst so zuverlässige Thomas Müller kurz vor Schluß einen Elfmeter an den Pfosten setzte.

Nach dem Spiel und der üblichen langen Blocksperre verabschiedete ich mich von meinen Spezln, die direkt die Heimfahrt mit den Fanbussen antraten und ging auf die andere Seite des Stadions, wo ich gleich eine Tram erwischte, die direkt zur Haltestelle bei meinem Hotel fuhr. Dann noch schnell den Koffer gepackt und ab ins Bett, denn ich musste ja am nächsten Morgen früh raus. Der Bus nach Belgrad würde nicht auf mich warten.

Donnerstag, der 10. Dezember 2015

Nach einem schnellen Frühstück und Check-Out im Hotel nahm ich die Tram zum Busbahnhof, um den Fernbus von Zagreb nach Belgrad um 8:10 Uhr zu nehmen. Ich hatte wie immer eigentlich zeitlich großzügig geplant und konnte dann noch den dezenten Charme der fast ganz leeren Wartehalle genießen.

Auch auf der Fahrt Grau. Winterfahle Bäume. Ist das ganze Land verwunschen? Wir passieren unfertige Häuser, triste Busbahnhöfe. Dennoch gleiten wir angenehmen auf der Autobahn dahin, die Zwischenstopps verlaufen reibungslos. Auch an der kroatisch-serbischen Grenze geht alles eigentlich relativ geschmeidig, bis auf die Viertelstunde, die wir auf einen Beamten warten mussten, der unsere Pässe bei der Ausreise auf der kroatischen Seite entgegennahm. Kaum waren die Pässe im Niemandsland wieder im Bus ausgeteilt, waren wir an der serbischen Grenze und sie wurden von serbischen Beamten eingesammelt. Auch hier ging alles glatt und wir waren in Serbien. Und sofort merkte man, dass man die EU verlassen hatten, denn im Gegensatz zu Kroatien war der Asphalt der serbischen Autobahnen nicht so glatt und so holperte der Bus nun deutlich mehr. Was so Euros aus Brüssel ausmachen können. Wir kamen mit einer guten halben Stunde Verspätung am Busbahnhof in Belgrad an, der direkt neben dem Hauptbahnhof lag, ebenso wie das Belgrade City Hotel, in das ich mich für die kommende Nacht eingebucht hatte. Beim Einchecken erfuhr ich, dass wohl auch noch eine größere Gruppe von Augsburgfans dort abgestiegen wäre und ich beschloß innerlich schon einmal, mich eher von dieser fernzuhalten; da vertraue ich dann doch mehr auf meine eigenen Instinkte und Antennen, als mit einer möglicherweise unsensiblen Gruppe Deutscher in einer fremden Stadt unterwegs zu sein.

Nachdem ich mich im Zimmer kurz frisch gemacht hatte und eruiert hatte, wo der nächste passende Geldautomat ist, zog ich nun also los Richtung Stadtzentrum. Ich fand den Geldautomaten dann auch, überschlug kurz im Kopf, wieviel serbische Dinar ich wohl für die guten 24 Stunden in Belgrad brauchen würde und bezog das Geld. Dann ging ich weiter in Richtung der alten Kalamagdan-Burganlage, die oberhalb der Mündung des Flusses Sava in die Donau liegt und besichtigte diese in der schwindenden Dämmerung und stellte fest, dass die frühe Dunkelheit im Dezember und der sich senkende Nebel eher schlechte Bedingungen für eine Stadtbesichtung waren. Dennoch genoß ich den Blick von der Burganlage.

Während ich also durch die Burganlage strich, wurde mir aber auch schlagartig klar, dass ich unglücklicherweise einen Faktor 10 bei dem Bezug der Dinar unterschlagen hatte und statt ca. 50 € eher ca. 5 € abgehoben hatte. Also suchte ich nochmal einen Geldautomaten auf und behob diesen Fauxpas auf Kosten doppelter Gebühren. Aber Dummheit will ja auch bestraft sein. Dann ging ich zurück ins Hotel und beschloß, den Rabatt im hoteleigenen Restaurant Savamala wahrzunehmen und mich für das Spiel zu stärken. Es gab Ćevapčići mit Kaymak, serbischem Salat (Gurke, Tomaten, Zwiebeln), Fladenbrot und einem Jelen-Bier.

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Dann machte ich mich stadionfein, vor allem zog ich mich warm an, versteckte Trikot unter dem warmen Pulli und den Seidenschal in der Innentasche der schwarzen Jacke, dazu meine weiße Wollmütze und eine Dose Jelen. Ich hatte beschlossen, den Weg zu Fuß zu gehen, da ich auf die Schnelle weder den Straßenbahnplan, der hauptsächlich in kyrillischen Buchstaben verfügbar war, entschlüsseln noch rausfinden konnte, wo und wie man ein Ticket für den Transport löst. Also machte ich mich im Dunkeln auf den ca. 40-minütigen Fußweg zum Stadion Partizana, der mich u.a. über den “Klinički centar Srbije“-Komplexes führte, einem ziemlich großen Krankenhausgelände. Also ich von dort auf einer Fußgängerbrücke die E-75 Schnellstraße überquert hatte, hörte ich schon die ersten Partizanfans in ihren Autos hupen und ihr Team besingen. Die Atmosphäre baute sich langsam auf. Ich versuchte also in den Strömen der Heimfans nicht aufzufallen und kam dann auch am Stadion an.

An der Stadionecke, die ich als erstes erblickte, sah ich nur die schwarz-weißen Farben der Partizanfans und viel Security am Eingang, also nahm ich an, ich wäre auf der Seite der Heimkurve angekommen und wähnte den Gästeeingang auf der anderen Seite des Stadions. Ich entschied mich nun, den Weg linksrum einzuschlagen, der zunächst an einem Parkplatz entlang und dann wieder hinter das Stadion führte. Allein, überall nur Partizanfans, den gegenüberliegende Seite war also auch eine Heimkurve. Nun begann ich zu schätzen, dass ich mich der schwarzen Jacke und der weißen Mütze ja mehr oder weniger zufällig in den richtigen Farben gekleidet hatte. Ich zog also die Dose Jelen aus meiner Jackentasche, machte sie auf, nahm ein, zwei Schluck vom Bier und ging weiter. Die Partizanfans waren laut und guter Dinge, schließlich musste Augsburg ja hoch gewinnen, um überhaupt noch weiterzukommen. Währenddessen war ich nun fast ganz um das Stadion rumgekommen und endlich, endlich erspähte ich den Gästeeingang. Hätte ich mich anfangs entschieden, rechtsrum zu gehen, wären es keine 100 Meter gewesen. Also auf ins Stadion, die Kontrolle an der Security, war gründlich, aber normal. Im Herrenklo stand bereits das Wasser fußtief, obwohl der Gästeblock noch recht leer war. Die Fans vom Sonderflug waren mit den Bussen noch nicht angekommen. Also stellte ich mich oben links in den Block und schaute mich erst einmal um. Das Stadion war eine richtig geile Schüssel. Schön alt aus Beton, vier Flutlichtmasten, eine Laufbahn, fertig. Und so harrte ich der Dinge, die da kommen mögen.

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Nachdem die Augsburgfans mit Polizeieskorte und Bussen angekommen waren, füllte sich der Block merklich, es waren den offiziellen Angaben nach so ca. 1000 von den 1500 verfügbaren Gästekarten verkauft worden. Die Partizanfans kamen auch so langsam und es gab einen ersten Vorgeschmack auf die Stimmung während des Spiels.

Kurz vor Beginn des Spiels, die Stimmung steigerte sich, obwohl sich die Anspannung irgendwie in Grenzen hielt. Als Sympathisant oder Fan des FC Augsburg war man ja doch eher der Ansicht, dass dieses Spiel das auf absehbare (oder gar längere) Zeit letzte internationale Spiel des Vereins sein würde. In der Liga war definitv richtig mieser Abstiegskampf angesagt und allein der 5. Platz der Vorsaison und die direkte Qualifikation für einen internationalen Wettbewerb war sowieso der mit Abstand größte Erfolg des Vereins aus der Rosenau gewesen. Man hatte das Heimspiel in Augsburg mit gegen FK Partizan Belgrad mit 1:3 verloren und konnte den zweiten Platz in der Gruppe nur noch dann erreichen, wenn man diese jetzt auf ihrem Heimatrasen mit zwei Toren Differenz, mindestens aber 3:1 besiegen würde.

Nur noch wenige Minuten zum Anpfiff. Jetzt doch mehr Anspannung. Die Augsburger Fans unten am Zaun wickelten ihre kleine Blockfahne aus und entzündeten ein paar Bengalos. Kein schlechter Auftritt für die Puppenkiste. Dann plötzlich Aufregung unten am Zaun, ein paar Partizanfans waren von der Ordner ungehindert über die Tartanbahn gerannt und hatten sich ein paar Augsburger Zaunfahnen gekrallt. Daraufhin flog eine Seenotfackel in Richtung der Schufte, einer warf sie zurück, sie landete aber im Pufferblock. Dann durchbrachen die Partizanfans in der Kurve links von uns die Ordnerkette und stürmten unten am Zaun in Richtung Augsburger Block. Ich stand links oben im Block und machte mich innerlich schon bereitet, entweder – die um Längen deutlich wahrscheinlichere Option – rechts in den Block zurückzuweichen oder mich zu wehren. Dann entschieden sich die Polizisten in Vollmontur dann nun doch einzugreifen und prügelten die Fans unten am Zaun in Richtung deren Blocks. Glücklicherweise geschah dies auch deutlich bevor irgendjemand auch nur daran dachte, in die Nähe meines Standortes zu kommen, schlußendlich war ich doch nie wirklich in Gefahr. Obwohl auch danach während des Spiels weiterhin gestisch und wohl auch verbal provoziert wurde, passierte nichts Schlimmeres.

Aufgrund dieser dem Ort und dem Spiel irgendwie angemessenen Aufregung hätte ich fast den Anpfiff verpasst. Das Spiel begann. Und die Partizanfans verwandelten ihr Stadion in einen Hexenkessel. Während des ganzen Spiels sang immer mindestens die Hälfte des Stadions, oft sogar das ganze Stadion. Die Augsburger Fans stimmten zuweilen Gesänge an, hatten aber akustisch keine Chance, vielleicht war man aufgrund der mangelden internationalen Erfahrung auch ein wenig geschockt. Egal.

Auf dem Platz ging es ausgeglichener zu. Augsburg begann durchaus mutig, musste aber schon nach 11 Minuten den 0:1-Rückstand durch einen von Oumaru souverän abgeschlossenen Konter hinnehmen. Aber es war ja noch nichts verloren, Augsburg musste weiterhin drei Tore schießen, um weiterzukommen. Sie griffen an, aber die Defensive der Hausherren hielt sicher stand, während Augsburgs Torwart Marwin Hitz zwei Chancen von Partizan vereitelte. Dann ein großer Aufreger. Jan-Ingwer Callsen-Bracker wurde von Ninkovic auf Höhe der Mittellinie übelst gefoult und musste ausgewechselt werden; es sollte sich später herausstellen, dass die erlittene Verletzung das Saisonaus für Callsen-Bracker bedeutete. Unverständlicherweise wurde das brutale Foul aber nicht mit Rot bestraft, sondern lediglich mit Gelb. Nun waren aber auch die Augsburger Fans wieder aufgewacht. Die Partie jedoch schritt eher ereignislos in Richtung Halbzeitpause. Dann in der Nachspielzeit der ersten Halbzeit noch einmal ein Freistoß für die Augsburger von links. Trochwoski schlägt den Ball nach innen, der aufgerückte Innenverteidiger Hong kommt zum Kopfball und … der Torwart hält ihn. So dachten wir zumindest aus unserer Entfernung, denn Augsburg spielte auf das weit von uns entfernte Tor und in dem Getümmel, das uns den Blick auf das Tor verstellte, hatten wir nur gesehen, wie der Torwart abgetaucht war. Doch die plötzliche formierte Jubeltraube der Augsburger Spieler erzählte eine andere Geschichte. Der Ball war drin gewesen. Mit Verzögerung also nun Jubel im Block und ein wenig Hoffnung für die Halbzeitpause. Durchschnaufen. Die Kälte im offenen Stadion war zwar spürbar, aber irgendwie nicht relevant.

Dann begann die zweite Halbzeit. Augsburg spielte jetzt auf das Tor auf unserer Seite. Und sie legten auch gleich wieder los und drängten nach vorne. Und in der 51. Minute gelingt Kapitän Verhaegh nach einer schönen Vorarbeit von Baier das 2:1, er streichelte den Ball  mit dem Außenrist aus kurzer Distanz am Torwart vorbei. Wahnsinn. Es fehlte nur noch ein Tor zur Sensation, zum “Wunder von Belgrad”. Augsburg drückte nun auf den dritten Treffer. Doch auch Partizan fing sich wieder ein bisschen und hatte zwei Riesenmöglichkeiten, doch Hitz, Hong und Latte verhinderten den Einschlag. Währenddessen konnte Ji, Trochowski und vor allem Caiuby die Augsburger Chancen nicht nutzen. Jetzt war die Anspannung da. Als Partizans junges Spielmachertalent Andrija Zivkovic gute zehn Minuten vor dem Ende zurecht mit Gelb-Rot vom Platz musste, war die heiße Schlussphase eingeleutet. Augsburg warf nun alles nach vorne. Dann, es lief bereits die Vorschlußminute, Verhaegh von rechts gechippt, Caiuby links im Elfer turmhoch in der Luft, mit dem Kopf quer, Bobadilla, BOBADILLA!!!!! Das Ding war drin!!!! Eskalation im Augsburger Block. Also nochmal in Ruhe, Verhaegh hatte eine Flanke von rechts in den Strafraum gechippt, das Kopfballmonster Caiuby stiegt links hoch und legte den Ball mit dem Kopf quer in den Fünfmeterraum, wo Bobadilla angerauscht kam und ihn, von seinem Gegenspieler bedrängt, mit dem Kopf und mit Unterstützung des rechten Innenpfosten einnickte. Dann stürmten die Augsburger Spieler vor den Fanblock und formiertern die Jubeltraube. Auch die so lautstarken Partizanfans waren verstummt. Geschockt. Augsburg spielte die noch verbliebene Nachspielzeit routiniert runter, das “Wunder von Belgrad” war vollbracht. Bei uns grenzenlose Freude. Die Mannschaft vor der Kurve gefeiert. Dann die übliche Blocksperre, so ca. 45-50 Minuten. Nun war die Kälte doch ein wenig zu spüren, aber egal. Weiter. Das hätte keine Sau gedacht. Unglaublich. Breites Grinsen. Noch genug Datenvolumen, um nach Glückwünschen zu schauen. Es gab nicht wenige, was die Wartezeit verkürzte.

Als sich auch die letzten der Partizanfans verzogen hatten, war nun endlich auch Zeit für die Augsburger sich auf den Heimweg zu machen. Ich duckte mich aus der Fanmasse zwischen den wartenden Bussen raus und machte mich wieder auf dem Fußweg zum Hotel. Ich nahm den selben Weg zurück, doch wo das Krankenhausgelände auf dem Hinweg beruhigend und belebt wirkte, wirkte es nun unheimlich und bedrohlich. Ein paar der Bauten waren nicht mehr in Benutzung und spezifisch bei einem verlassenen, spärlich beleuchteten brutalistischen Gebäude hatte ich das Gefühl, es könnte die Kulisse in einem Bondfilm sein und ich würde vielleicht gleich in eine Schießerei verwickelt werden. Dankenswerterweise nichts dergleichen, ich begegnete auch keinen aufgebrachten Partizanfans und kam schlußendlich sicher und unversehrt zurück ins Hotel, wo ich mich mit etwas Tee aufwärmte, das Adrenalin versacken ließ und dann gegen 2 Uhr glücklich einschlummerte.

Freitag, der 11. Dezember 2015

Nach einem ausgiebigen Frühstück, bei dem ich den Augsburger Fangruppen an den anderen Tischen lauschte – ich erfuhr z.B. welche Fahnen am Vortag gezockt worden waren, aber leider auch die oberflächliche Betrachtungsweise so mancher Reisender – packte ich meinen Koffer, checkte aus und machte mich auf, um die verbleibenden Zeit zu nutzen, um wenigstens die Innenstadt von Belgrad zu erkunden. Zuallererst begegneten mir Spuren des Bürgerkriegs, die noch nicht beseitigt worden waren. Eine deutliche Erinnerung und Warnung, was sich alles unweit der Heimat abgespielt hat und abspielen kann.

Mein Ziel, da ich nur Zeit für ein Museum haben würde, war das Muzej Nikole Tesle, was dem genialen Erfinder gewidmet war und auf seinem persönlichen Nachlass fusste. Nikola Tesla, ebenso verschroben wie genial, war zu k.u.k-Zeiten im heutigen Kroatien als Sohn einer serbischen Familie geboren worden und fühlte sich trotz seiner späteren amerikanischen Staatsbürgerschaft immer als Jugoslawe. Als er unverheiratet und kinderlos verstarb, vermachte er dem jugoslawischen Staat seinen Nachlass und dieser widmete dem großen Sohn ein Museum in der Hauptstadt Belgrad, obwohl Tesla in seinem ganzen Leben allenfalls ein paar Tage dort gewesen war. Die englische Führung war kurz, kostenlos und lohnenswert. Den einleitenden Film hätte es für mich als Physiker zwar nicht gebraucht, dafür war die Demo mit den Neonröhren und dem großen Tesla-Transformator richtig cool. Danach schaute ich mir die Versuchsaufbauten und Modelle, die teilweise noch die Originale aus dem Besitz Teslas sind, an und verneigte mich auch kurz vor seiner im Museum befindlichen sphärischen Urne. Tesla war maßgeblich dafür verantwortlich, dass sich Wechselstrom im Alltagsgebrauch durchgesetzt hatte, er hatte den Induktionsmotor erfunden und auch die Radioübertragung, auch wenn er den Rechtsstreit um das Patent gegen Marconi erst posthum gewinnen konnte. Ein bedeutender Erfinder und interessanter Charakter, nach dem zurecht die SI-Einheit für magnetischen Flux benannt ist.

Dann ging ich weiter zum Dom des heiligen Sava, einer der größten orthodoxen Kirchen der Welt, die dem Gründer der serbischen-orthodoxen Kirche geweiht ist. Ich war von außen wie innen sehr  von dem Bau beeindruckt, aber auch gespannt, wie er wohl wirken würde, sollte er dereinst auch innen fertiggestellt worden sein.

Dann wieder ein fußläufiges Mäandern zurück in Richtung Hotel, Augen offen für das Stadtbild und was man so en passant an Erkenntnissen gewinnen kann.

In der Nähe des Hotels lag das Restaurant Zavičaj, wo ich für ein Mittagessen mit traditonell serbischer Küche einkehrte, obwohl vom Frühstück eigentlich noch recht satt war. Aber egal, ich war ja nicht so oft in Belgrad, also gönnte ich mir ein Pljesiceva (Hacksteak) mit Pommes, Sobska-Salat (Gurken, Tomate, Zwiebeln und Kajmak-Käse), Proja (serbisches Maisbrot) und ein Bier.

BalkanSammy - 12

Mit dementsprechend vollem Magen ging es dann zurück zum Hotel, von dort ich in dann Richtung Flughafen fahren wollte. Die Entscheidung war nicht ganz trivial zu treffen, denn ich hatte über Twitter mitbekommen, dass der Lufthansaflug, mit dem die Mannschaft des FC Augsburg zurück nach München fliegen sollte, aufgrund von Nebel in München annuliert worden war. Mein gebuchter Flug war der nächste planmäßige Flug von Belgrad nach München, aber dieser schien wohl zu gehen. Also, Koffer geschnappt, und auf zur Bushaltestelle des Flughafenbusses. Als ich dort wartete, sprach mich ein Taxifahrer an, ob ich für 400 Dinar mitfahren wolle, ich war erst verwirrt, da er kaum Englisch sprach. Aber die junge serbische Frau, die neben ihm stand klärte mich in fließendem Englisch auf, dass er sowieso zum Flughafen müsse und uns beide dementsprechend günstig fahren würde. Der Bus hätte sowieso 300 Dinar gekostet, also nahm ich das Angebot an und kam während der Fahrt mit Ivana ins Gespräch. Es stellte sich heraus, dass sie in die Schweiz flog, um dort ihren Freund zu besuchen, mit dem sie zusammengekommen war, als er Serbien bereist hatte. Sie war vom Land und es war ihr erster Flug überhaupt, und so konnte ich von ihr einiges über Serbien und die Verhältnisse der Leute dort lernen, während ich ihr hingegen Tipps zu Flugreisen gab. Wir setzten unser Gespräch auch noch am Flughafen fort, da wir beide sehr zeitig da waren. Irgendwie schön, dass sich dieser Zufall noch ergeben hatte, denn ich war auf der ganzen Reise nicht wirklich mit Einheimischen ins Gespräch gekommen.

Nachdem ich mich von Ivana verabschiedet hatte, ging ich Richtung Gate, wo ich noch ein wenig nach Mitbringseln schaute, mich für einen serbischen Rotwein der autochthonen Rebsorte Prokupac entschied, und mich in den Wartebereich begab. Nachdem der Nikola-Tesla-Flughafen in Belgrad eher heimelig war, traf ich dort auch noch sehr schnell auf die Mannschaft des FC Augsburg, die dort im Café oder auf den Wartenbänken herumlungerte, während sie auf die nächste freien Plätze nach München wartete. Ich dachte, dass sie wahrscheinlich dann in meinem Flieger wäre, aber es stellte sich heraus, dass dieser so ausgebucht war, dass die Spieler und Betreuer dann erst mit dem Lufthansaflug danach nach München zurückflogen.

Dann noch eine letzte amüsante Begegnung, während ich im dick verglasten Gatebereich wartete. Ich stand da so rum und guckte den Leuten aus dem verstätet ankommenden Flieger beim Aussteigen zu und erblickte plötzlich das vertraute Gesicht eines mir bekannten Galeristen aus München, den ich durch Klopfen auf mich aufmerksam machte. Wir gestikulierten ein bisschen durchs akustisch sehr gut isolierte Glas und gingen dann beide grinsend unserer Wege.

Für mich ging es zurück nach Hause.

BalkanSammy - 13